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Film- und Fotoaufnahmen in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz

 

Fotos vom Eröffnungswochenende, 360-Grad-Ansichten und Videos von Besucherinnen und Besuchern der Bibliothek

 Foto: Martin Lorenz

Architektur-, Bau- und Planungsgeschichte der Stadtbibliothek am Mailänder Platz


English Information: Opening hours, how - where - what, conception, architecture, facts


Wissenswert:

Zahlen und Fakten

Die nächsten Veranstaltungen in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz

Die Stadtbibliothek Stuttgart ist Bibliothek des Jahres 2013

Laudatio von Joachim Kalka


Die Stadtbibliothek Stuttgart ist Bibliothek des Jahres 2013

Mit der Stadtbibliothek Stuttgart wird eine Bibliothek geehrt, die schon früh ihr Zukunftskonzept der „Bibliothek als innovativer Lernort“ entwickelt und konsequent umgesetzt hat.
(aus der Pressemitteilung des Deutschen Bibliotheksverbands e. V.)

Im Vergleich der kommunalen Bibliotheken in Baden-Württemberg ist die Stadtbibliothek Stuttgart mit über 1,3 Millionen Medieneinheiten die größte und im deutschlandweiten Vergleich die drittgrößte Einrichtung, nach der Münchner Stadtbibliothek und den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen. Sie besteht aus der Zentralbibliothek, 17 Stadtteilbibliotheken, einer Fahrbibliothek mit zwei Bibliotheksbussen mit 22 Haltestellen sowie vier Krankenhausbibliotheken.

Die Geschichte der Stadtbücherei Stuttgart begann 1901, als der Verleger Carl Engelhorn ein Grundstück neben seinem Verlagshaus in der Silberburgstraße erwarb und 80.000 Mark für den Bibliotheksneubau stiftete.

110 Jahre später, im Oktober 2011, wurde die zukunftsweisende Stadtbibliothek am Mailänder Platz als neue Zentralbibliothek in Stuttgart eröffnet. Der koreanische Architekt Eun Young Yi erschuf einen großartigen Kubus aus Glasbausteinen. Die neue Zentralbibliothek mit ihrem beeindruckenden Galeriesaal und dem „Herz“, einem würfelförmigen Raum für die innere Einkehr, begeistert die Besucher (täglich zwischen 3500 und 6000) und ist einer der meist fotografierten Orte Stuttgarts.

Aufsehen erregt dabei nicht nur die exceptionnelle Architektur, sondern auch die einmalige Konzeption der Stadtbibliothek Stuttgart, die bereits vor dem Leuchtturmprojekt der neuen Zentralbibliothek bemerkenswert war. Die Stuttgarter Bibliothek war Ende der 90er Jahre eine der ersten, die die Bibliothek als multimedialen Lernort definierte, die erste, die ein europäisches Projekt leitete und eine der ersten mit Internetzugang und weitreichenden Selbstbedienungsfunktionen (z. B. RFID-Ausleihe).

Heute wird die moderne Bibliothekstechnik innovativ und nutzbringend eingesetzt. In jeder Einrichtung gibt es mittlerweile die Selbstbedienungs-Ausleihe (sogar in den Bibliotheksbussen!) und die 24-Stunden-Rückgabe soll es in Zukunft nicht nur in der Zentralbibliothek, sondern flächendeckend in allen Stadtteilbibliotheken geben.

Die „Bibliothek für Schlaflose“ ist ein intelligentes Medienregal im Windfang des Ost-Eingangs der Stadtbibliothek am Mailänder Platz, aus dem Besucher mit dem Bibliotheksausweis rund um die Uhr ein ausgewähltes Medienangebot ausleihen können.

Aus ähnlichen Medienschränken werden auch die „PCs für hier und heute“ ausgeliehen. Mit den insgesamt 140 Netbooks und Laptops können die Besucher der Zentralbibliothek vor Ort an ihrem Lieblingsplatz im Internet recherchieren oder OpenOffice-Programme nutzen. Ein W-LAN Netz bietet Internetzugang im gesamten Haus, auch mit eigenen Geräten. Anhand eines integrierten Chips kann der Bibliotheksausweis mit Geld aufgeladen werden. Mit diesem Guthaben können die Druck- und Kopiergeräte auf allen Stockwerken genutzt werden. Arbeitet man am eigenen Gerät, ermöglicht der Download eines kleinen Treibers den Zugriff auf die hausinternen Geräte.

Die Medienrückgabe erfolgt über vier Rückgabeautomaten im Erdgeschoss der Zentralbibliothek. Hier können die Kunden auch Medien aus den Stadtteilbibliotheken zurückgeben. Über eine bisher einzigartige Rücksortieranlage werden die Medien anhand von Förderbändern und elektromotorbetriebenen Wägen (von den Besuchern auch liebevoll „Bücherautos“ genannt) auf das entsprechende Stockwerk transportiert.

 

Die Bibliothek als multimedialer Lernort

Die Stadtbibliothek Stuttgart begleitet das individuelle Lernen in allen Lebensphasen. Neben der frühkindlichen Förderung und der Unterstützung des schulischen Lernens kommt in Zukunft dem Bereich der persönlichen Weiterbildung für Beruf und Lebensalltag eine zunehmende Bedeutung zu. Die rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt und im Lebensumfeld fordern ein hohes Maß an Flexibilität des Einzelnen und die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen und sich neues Wissen anzueignen.

Die Stadtbibliothek vermittelt die Qualifikationen zum selbstorganisierten Lernen und für den selbstbestimmten Wissenserwerb. Ihr fachbezogenes Medienangebot richtet sich nach den verschiedensten Bedürfnissen und umfasst alle Lebenslagen. Die Stadtbibliothek bietet jedermann jederzeit Zugänge zu Wissensquellen in allen medialen Formen. Neben dem zweckorientierten Wissen für Beruf und Alltag vermittelt die Stadtbibliothek Anregungen für innovatives Lernen und ermöglicht mit ihren Angeboten, auch im kulturellen Bereich, das Entdecken neuer Fragestellungen und Erkenntnisse.

Die Stadtbibliothek trägt wesentlich zu einer Erhöhung der Weiterbildungsquote bei, da sie mit ihren offenen und wohnortnahen Angeboten alle Bevölkerungsgruppen erreicht, gerade auch bildungsferne Schichten. Sie sichert so die Chancengerechtigkeit in der Wissensgesellschaft für jedermann.

Die angenehme Umgebung lädt zum Verweilen, Lesen und Lernen ein. Die Lernstudios der Stadtteilbibliotheken sind mit entsprechender Technik ausgestattet und bieten Lesecafés, Zeitschriften- und Zeitungslesezonen und ruhige Arbeitsplätze. In der Zentralbibliothek können sich Lernende in den sechs Gruppenräumen treffen oder die zahlreichen Arbeitsplätze nutzen, die im gesamten Bibliotheksbereich zu finden sind.

Die Onleihe, das E-Learning-Portal und das Rechercheportal erweitern den Lernort Bibliothek in den virtuellen Raum.

 

Digitale Lesekompetenz

http://www.stuttgart.de/stadtbibliothek/digitale_lesekompetenz

Die „digitale Lesekompetenz“ ist eines der Hauptthemen der Stadtbibliothek Stuttgart. Während die Förderung der Lesekompetenz seit jeher Thema der Bibliotheken ist, besteht die zwingende Notwendigkeit, die Lesekompetenz auch im digitalen Bereich zu fördern. Da alle digitalen Medien mit ihrem Programmcode auf Texten und Sprachen basieren (der 01-Code kann beispielsweise mit dem Morsealphabet verglichen werden), ist die Verantwortung der Bibliothek für diesen Bereich die logische Konsequenz.

Die Stadtbibliothek Stuttgart hat es sich dabei zur Aufgabe gemacht, hinter die digitalen Oberflächen zu schauen und einen kritischen, kompetenten, verantwortungsbewussten, aber auch kreativen Umgang mit den digitalen Techniken zu fördern.

In Vorträgen, Workshops und Ausstellungen werden Alternativen zum kommerziellen Mainstream aufgezeigt und Anregungen zu einer Bandbreite an Themen gegeben, darunter Freie Software, GameArt, digitale Kunst, Netzaktionismus, Datenschutz, Recherche und vieles mehr.

Um diese Themen kompetent vermitteln zu können, arbeitet die Stadtbibliothek eng mit dem Chaos Computer Club Stuttgart, der Merz Akademie, der Zürcher Hochschule der Künste, dem Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung der Universität Stuttgart und anderen Medieninstitutionen zusammen.

Auch Film und Fernsehen ist heute digital und fällt somit ebenfalls in dieses Themenfeld. Gemeinsam mit dem Film- und Medienverein Wand 5 und dem Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart werden in der Bibliothek Workshops und Vorträge zu transmedialem Storytelling, Videokunst und aktuellen Entwicklungen in der Filmszene organisiert.

Die Stadtbibliothek Stuttgart stellt Inhalte unabhängig von Flickr, Facebook und Youtube auf ihrem Server zum Download zur Verfügung. Hier kann jeder auf eine Vielzahl an Podcasts zugreifen (2012 waren es 145.445 Downloads). Bereits seit über zehn Jahren dokumentiert die Stadtbibliothek einen großen Teil ihrer Veranstaltungen als Text- oder Audiodatei und schafft damit eigene Inhalte als zusätzliche Ergänzung zu ihrem ausleihbaren Medienbestand:

http://www.stuttgart.de/stadtbibliothek/druck/frisch_neu.php

 

Die internationale Stadtbibliothek

Das Selbstverständnis als interkulturelle Bibliothek ist schon lange am internationalen Medienbestand und dem mehrsprachigen Veranstaltungsangebot abzulesen: Belletristik in 26 Fremdsprachen, Sprachlernmaterialien für über 100 Sprachen, internationale Tages- und Wochenzeitungen und die Internationale Pressedatenbank PressDisplay (mit über 1500 internationalen Tageszeitungen im Originallayout) erfreuen sich in der multikulturellen Stadt Stuttgart großer Beliebtheit.

In Zusammenarbeit mit den ausländischen Kulturvereinen, den ausländischen Kulturinstituten und den Konsulaten in der Stadt finden mehrsprachige Lesungen für Kinder und Erwachsene statt, interkulturelle Feste werden gefeiert und der Kontakt zu den Partnerstädten wird gepflegt. Erzählcafés und Schreibworkshops für Migranten fördern das Miteinander und die Kommunikation. Mit vorgefertigten Zetteln für die Lernpartnersuche und Schwarzen Brettern fordert die Stadtbibliothek zum Sprachenlernen im Tandem auf. Informationen zur Benutzung der Bibliothek und die Gebührenordnung liegen insgesamt in zehn Sprachen vor, darunter z. B. kroatisch, niederländisch und chinesisch.

Für das Projekt "Sprachlabor Bibliothek – Deutschlernen in der Stadtbücherei Stuttgart" wurde die Stadtbibliothek bereits 2004 mit dem Europäischen Sprachensiegel ausgezeichnet.

2010 wurde der „Leitfaden interkulturelle Bibliotheksarbeit“ formuliert:

http://www.stuttgart.de/stadtbibliothek/druck/neue_bibliothek/LeitfadenInterkultur_Okt_2010.pdf

 

Die Stadtbibliothek für Kinder

Die Stuttgarter Kinderbibliotheken bieten ein innovatives Veranstaltungsprogramm für Kinder, Kitagruppen, Schulklassen, Familien, Erzieher und Eltern an.

In Kooperation mit dem Stuttgarter Vorleseprojekt Leseohren e. V. wird Kindern ganz persönlich (für nur zwei bis vier Leseohren) vorgelesen, auch in ihrer Muttersprache, beispielsweise in türkischer, griechischer, französischer, spanischer oder russischer Sprache.

In Sprachlaboren und Kreativworkshops wird spielerisch vorab gehörtes und erlerntes Wissen umgesetzt. Bei Mitmachtheatern, Mitsingkonzerten und Familienworkshops können sich die Kinder einbringen und ihre Vorlieben und Fähigkeiten erproben.

Autorenlesungen und Lesenächte fördern das Lesen und dienen der Vermittlung von Kinderliteratur. Bei Familientagen zu Otfried Preußler, Astrid Lindgren oder Detektiven werden Geschichten lebendig und können gemeinsamen erlebt werden. In Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Kinderwerkstätten und Spielhäusern wird in Michels Tischlerwerkstatt geschnitzt, ein fliegender Karlsson gebastelt oder in der Krachmacherstraße Krach gemacht.

Zum alltäglichen Serviceangebot der Kinderbibliotheken gehört das Zusammenstellen von Medienkisten, Medienrallyes, BilderbuchShows, der Bibliotheksführerschein und die Vermittlung von Fachliteratur und Materialien.

Bilderbuch-Apps stehen aktuell in der Erprobungsphase und demnächst können Kinder ab 8 Jahren in einem Workshop die Programmiersprache Scratch erlernen.


Die Bibliothek als Ort der Kultur

Die Stadtbibliothek Stuttgart hat sich traditionell immer als ein Ort der Kultur und der Künste verstanden. Literatur, Musik, Kunst und Film sind im Veranstaltungsprogramm fest verankert. Der lokale Bezug wird durch ein eng geknüpftes Netzwerk an Kooperationspartnern hergestellt. Alle Stadtteilbibliotheken verfügen über ihr eigenes Netzwerk und sind mit ihren Programmen so etwas wie ein Schaufenster für die wohnortnahe Kulturszene.

Anknüpfend an die Stuttgarter Tradition der experimentellen Poesie, die in der Stuttgarter Schule mit Namen wie Max Bense und Reinhard Döhl begründet liegt, räumt die Stadtbibliothek der Sprachkunst einen besonderen Platz ein. So veranstaltet sie jährlich gemeinsam mit dem Literaturhaus und dem Schriftstellerhaus die Stuttgarter Lyriknacht und lädt in der Reihe „3durch3“ Sprachkünstler aus aller Welt ein.

Ausstellungen zur visuellen Sprachkunst, aber auch zu Netz- und Videokunst werden auf den 16 Großbildschirmen der Galerie b im Erdgeschoss der Stadtbibliothek am Mailänder Platz gezeigt.

Die Stadtbibliothek fördert junge, noch unbekannte Autoren, in dem sie im Veranstaltungsformat Mikrolesung die Anzahl der Zuhörer bewusst auf einen kleinen exklusiven Kreis begrenzt, die Lesung dann aber im Anschluss als Videomitschnitt auf den 16 Monitoren der Bibliothek einem großen Publikum präsentiert.

Mit Performances, künstlerischen Eingriffen, dem Angebot der Graphothek und dem vielfältigen Veranstaltungsprogramm fördert die Stadtbibliothek den Umgang und die Auseinandersetzung mit kultureller Bildung.


Ausblick

Aktuell arbeitet die Stadtbibliothek an speziellen Programmen zur Inklusion, die sich an die Bedürfnisse von Menschen mit Mobilitätsproblemen, Beeinträchtigungen beim Sehen oder Hören, aber auch mit Lernschwierigkeiten bzw. -behinderungen richtet.

Die Verbindung von analoger und digitaler Welt wird weiter forciert werden: Buchkultur wandelt sich zur intermedialen Lesekultur in einer aufregenden, Themen gestaltenden Stadtbibliothek.

Erfahrungen zeigen, dass die Fragen und Beratungsgespräche im Auskunftsdienst intensiver, anspruchsvoller und komplexer werden. In regelmäßigen Treffen legt ein Informationskompetenzteams fest, welche Instrumente für die Recherche im Auskunftsdienst notwendig und sinnvoll sind.

Die Ausstattung der Stadtbibliothek am Mailänder Platz soll auch in den Stadtteilbibliotheken zum Standard ausgebaut werden. Das Preisgeld, das mit der Auszeichnung der Bibliothek des Jahres verbunden ist, soll den Grundstock für das W-LAN in den Stadtteilen legen.

 

Die Stadtbibliothek Stuttgart in Zahlen 2012:

1.372.524 Medien

6.574.129 Entleihungen

11,4 Entleihungen pro Einwohner

2.691.892 Besucher

4.117 Veranstaltungen/Ausstellungen/Führungen

464.888 Beratungen


 

LAUDATIO
von Joachim Kalka

Meine Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, die Stadtbibliothek meiner Vaterstadt – wie ich mit dem Pathos des aus Stuttgart Weggezogenen sagen darf – zu der Ehrung zu beglückwünschen, die heute hier gefeiert wird. Sie ist zur „Bibliothek des Jahres“ geworden, und man hat sie insbesondere für ihre erfolgreichen Anstrengungen gerühmt, die Leser mit den neuen elektronischen Techniken vertraut werden zu lassen und aus der Bücherei einen Lernort zu machen, wo man sich aller Möglichkeiten der Gegenwart bedienen kann, auch online, auch schlaflos. Ich möchte die Stadtbibliothek Stuttgart meinerseits durch einige Bemerkungen zum Außen und Innen des Buches, des Lesens, der Bücherei ehren. Viel Zeit habe ich nicht, das ist gut so, es zwingt zur Konzentration bei einem Thema, das weitläufig ist wie kaum eines.

Der Bau der Stuttgarter Stadtbibliothek ist der Gestalt gewordene Traum einer kompromisslosen Architektenphantasie, eine reine Form, die des Kubus, der eine Tempelhalle umschließt und einen Katarakt aus Büchergeschossen. Wie alle reinen Architekturformen erlegt auch diese den Benutzern gewisse Strapazen auf – das Unterirdische von Vorträgen gehört zu ihnen. Doch es ist eine markante, schöne, nach innen gewandte Architektur, die in unvergleichlicher Weise eine solide, schwäbisch-koreanische Sprödigkeit des Äußeren mit einladender Eleganz der Leseräume verbindet.

Früher war bei der Diskussion über kulturelle Institutionen viel davon die Rede, es dürfe keine Schwellenangst erzeugt werden, alle sollten sich willkommen fühlen, die Scheu vieler Menschen vor dem Betreten eines Orts der Kultur sei freundlich zu beschwichtigen. Das ist vollkommen richtig gedacht, soweit es darauf zielt, einer derartigen Institution das Stigma der Exklusivität zu nehmen. Was Exklusivität besitzt, schließt aus; was als exklusiv angepriesen wird, soll eine Ware sein, die sich nicht jeder leisten kann. Den Akt der Exklusion, des Ausschließens, kann eine öffentliche Bibliothek niemals vollziehen wollen; sie möchte möglichst viele Besucher und Benutzer willkommen heißen. Doch eine Schwelle wird man trotz allem überschreiten müssen, wenn man eine Bücherei betritt; ein Ort ohne Schwelle ist eine reine offene Fläche, ein beliebiger Platz. Die Schwelle ist wie das Dach etwas, das ein Haus konstituiert. Die Inklusivität eines Hauses hängt davon ab, daß es durch klug gesetzte Schwellen einen für alle betretbaren Raum erzeugt, ein Innen, das einen Gegenpol zum Außen der alltäglichen Mühsal und Langweile bilden kann.

Die berühmteste Bibliothek des zwanzigsten Jahrhunderts ist die von Jorge Luis Borges in einer kurzen Erzählung beschworene „Bibliothek von Babel“ – eine unendliche Architektur, die alle möglichen Permutationen des Alphabets in unzählbaren Bänden enthält, also alle denkbaren Bücher in jeweils Millionen von verstümmelten Formen, die Einschaltung sämtlicher Bücher in alle anderen Bücher, „den richtigen Katalog der Bibliothek und unzählige falsche Kataloge…“ Der Autor dieser Phantasie, der Direktor der argentinischen Nationalbibliothek wurde, als er schon fast nichts mehr sehen konnte (er hat diesem ironischen Paradoxon ein schönes Gedicht gewidmet), hat wie kein anderer die erhabene Absurdität und den Zug der leichten Unheimlichkeit einer großen Bibliothek formuliert. Er, der gegen Ende seines Lebens aus seinem unvergleichlichen Gedächtnis heraus eine Reihe intimer Sammlungen und Anthologien schuf, verkörpert den Leser, der aus der schreckenerregenden Unendlichkeit der Babelbibliothek einen kleinen überschaubaren Bestand an Büchern zusammenführt, die zu seinen ureigenen Texten geworden sind. So müssen wir es alle machen. Es ist dies eine erregende Tätigkeit.

Wir mögen uns in Erinnerung rufen, dass das Lesen lange Zeit keinen guten Ruf hatte. Es war Gegenstand moralisierender Kritik. Es ist heute, in einer Epoche, da man mit allen Listen versucht, die Kinder zum Gebrauch des Buches zu verführen, nicht ohne Ironie, nachzusehen, von welchen misstrauischen Bedenken die Formierung des lesenden Massenpublikums um 1800 umgeben war ("Und da, wo man sonst den fleißigen und betriebsamen Mann auf seinem Felde oder in der Scheune sah, wird man ihn itzt mit dem Roman oder Zeitungsblatt in der Hand müßig und geschäftslos erblicken"). Die scheinbar ziel- und zügellose Lektüre derer, die früher nie oder selten gelesen hatten (Frauen, Kinder, Dienstboten, kleine Leute) beunruhigte die Autoritäten. Man sprach von der "Lesesucht" (die fast wie ein exakt medizinischer Begriff formuliert wurde) und machte sich Gedanken, die verblüffend jenen der Zwangspädagogik des neunzehnten Jahrhunderts ähneln, welche die Kinder in jeder unbeaufsichtigten Minute gefährdet von der Onanie sehen und sich im leeren Raum der Muße Exzess über Exzess zusammenphantasieren. In der Tat waren Masturbation und Lektüre (zusammenklingend in der Tagträumerei) die beiden großen Schreckpopanze einer auf lückenlose Kontrolle setzenden Erziehung. Noch im ironischen Titel von Valéry Larbauds schönem Essay " Ce vice impuni, la lecture" klingt der alte Vorwurf an: Die Lektüre, ein straffreies Laster. Und es ist auch vielleicht besser, alles freiweg einzugestehen: die Literatur ist ein Suchtmittel, das Lesen eine schlimme Angewohnheit, die Bibliothek eine Lasterhöhle. Die Lasterhöhle - dieser Ausdruck eines altmodischen Pathos hatte immer etwas Behagliches, Anziehendes. Ist es nicht schön, daß wir uns hier an einem bedenklichen, zwielichtigen Ort befinden, in einem Gebäude, das den Opiaten des Lesens gewidmet ist? Die Höhle des Lese-Lasters ist wohl jene, vor welcher der Schutzpatron der gelehrten Übersetzer, der heilige Hieronymus büßt; unmerklich wandelt sie sich dann in die Studierstube, in der er am Pult sitzt und arbeitet. An beiden Orten ruht sein Löwe als große Katze ihm zu Füßen. Schade, das wird hier nicht gehen.

Proust spricht einmal von der „fieberhaft aufmerksamen Miene eines Kindes, das Jules Verne liest.“ Das ist nicht nur eine schöne Hommage eines großen Autors an einen geringeren, es weist darauf hin, dass die Lektüre uns ganz und gar gefangen nehmen kann. Die Bibliothek ist der Ort, wo wir zwischen vielen freiwilligen Gefangenschaften wählen dürfen. Die Bücher sind ein Heer unendlicher Möglichkeiten und Verlockungen, sie zerstreuen uns. Aber wir konzentrieren uns wieder und kehren dann auch zu den schon bekannten Büchern zurück. Einen bedeutenden Text nicht nur zu lesen, sondern wieder zu lesen, heißt den schärferen Blick genießen, die sich nähernde Begegnung mit "schönen Stellen" wie in einer Landschaft, in der man schon einmal gewesen ist. Es heißt Verblüffungskraft des scheinbar Vertrauten.

Im Moment der Wiederholung liegt auch beschlossen, dass wir gerne einen festen Platz, einen vertrauten Bezugspunkt für die Lektüre haben. Gewiss liegt etwas großartig  Freies und Verheißungsvolles in unserer Fähigkeit, überall zu lesen, auf der Wiese, im Zug, im Café. Aber dazu gehört dialektisch als Balance der stets gleiche Ort für das Lesen, und dessen schöne und klassische Form ist fast noch mehr als der eigene Tisch zuhause die Bibliothek der Stadt, in der man wohnt. Hier kann man stets Neues zur Hand nehmen und immer wieder dasselbe (wenn es nicht gerade ausgeliehen oder einen Tisch weiter im Gebrauch ist). Der Benutzer macht sich die Bibliothek zu eigen.

Daß man etwas immer wieder durchblättert und erst spät plötzlich ein Geheimnis in dem so oft in die Hand Genommenen entdeckt, das fasst die Kolportage übrigens in einem wunderbaren Bild zusammen. Wir begegnen ihm in Lovecrafts einzigem langem Roman, der tückisch elaborierten Schilderung einer genealogischen Recherche, die den armen Charles Dexter Ward in den Abgrund reißt. Die Spuren, die zu seinem diabolischen Ahnherrn führen, hat eine entsetzte Vergangenheit sorgfältig verwischt, doch eines Tages geschieht es: Einen entscheidenden Hinweis findet der junge Mann auf unerwartete Weise in einem Aktenband. "Dieser Eintrag kam ans Licht, als sich zufällig zwei Seiten voneinander lösten, die sorgfältig zusammengeklebt worden waren und durch eine mühselige Revision der Seitennummerierung als eine einzige gelten wollten." Dieses plötzliche Aufklaffen der einen Buchseite, aus der zwei werden, die Entdeckung quasi eines unbekannten, beredten Hohlraums in einem scheinbar schweigsamen Buch beziehungsweise in einem, das schon alles gesagt zu haben scheint, was es weiß - das ist die Utopie des wiederholten Lesens. Dieses Bild hat eine seltsame Affinität zu Borges‘ "Bibliothek von Babel": Der Autor fügt hier nämlich am Schluss seiner Geschichte eine Fußnote an: "Letizia Alvarez de Toledo hat bemerkt, dass die ganze riesenhafte Bibliothek unnütz ist: strenggenommen genügte ein einziger Band gewöhnlichen Formats..., der aus einer unendlichen Anzahl unendlich dünner Seiten bestünde." Die Vorstellung der sich plötzlich teilenden Seite enthält eine Andeutung von diesem handlichen ad infinitum. Es verwirklicht sich andeutungsweise im E-Book.

Aber weiß man, was in den Büchern steckt? Weiß man, wo es steckt? Selbst der Computer hält durchaus die Möglichkeit bereit, dass man eine Datei nicht mehr findet. Walter Benjamin hat in dem Notizenkonvolut "Kriminalroman", das sich in seinem Nachlass fand, eine bestimmte Idee mehrfach notiert. "Gewohnheit eines Menschen, Geldscheine zwischen den Seiten eines Buchs aus seiner großen Bücherei aufzuheben... Einer, der fliehen will, seine Banknoten in Büchern seiner Bibliothek versteckt hat und nun nicht mehr weiß, in welchen..." Dies rückt Buchseiten und Geldscheine ganz nahe aneinander, und passt wunderbar zu der von Max Rychner überlieferten Anekdote, wie Benjamin beim Verlassen eines Restaurants, als es ans Bezahlen geht, selbstvergessen vor der wartenden Kassiererin in seine aufgeklappte und reichgefüllte Brieftasche blickt wie in ein Buch. "Er blätterte plötzlich ganz sanft nach vorn, nach hinten, wie wenn er ein Buch vor sich hätte und es nun rasch durchsehen müsste", und erst Rychners Intervention ("Herr Dr. Benjamin, ich glaube, das Fräulein erwartet, dass Sie von Ihrer Brieftasche den nun in Aussicht gestellten Gebrauch machen") bringt ihn in die Realität und vor die Restaurantkasse zurück. Was Buch und Geldbündel verbindet, ist das Potential an Möglichkeit, das beide enthalten.

Für die unendlichen Möglichkeiten braucht man jedoch eine Brieftasche, die sie birgt. Eine Bibliothek - auch eine sehr große – besitzt ihrer Gestalt nach nicht die tendenzielle Unendlichkeit des Internets, auch wenn sie dieses in ihre Potentialitäten einbezieht. Sie hat das, was das World Wide Web, dessen Mittelpunkt überall und nirgends ist, nicht haben kann: individuelle Ränder. Das Internet hat in all seinen Einträgen und Bestandteilen zwar eine – oft sehr kuriose – Geschichte, aber diese will immer ins Unsichtbare verschwinden. Die Bücher in den Regalen haben mehr von Kontingenz, von einer banalen und erstaunlichen  Wirklichkeit; ihre Seiten zeigen gelegentlich das, was wir auf dem Bildschirm nie erblicken werden: einen Fleck, einen kleinen Riss, einen vergessenen Zettel als Lesezeichen. Früher erkannte man an den Büchern öffentlicher Bibliotheken noch unmittelbar ihre Ausleihgeschichte, und man konnte einer Sequenz von Stempeln entnehmen, dass der Band, den man in Händen hielt, begehrt und ständig aufs neue entliehen war - oder aber dass man seit drei Jahrzehnten der erste Leser war, der dieses Buch aufgeschlagen hatte. Das Buch ist ein Gegenstand; in der Heilbronner Kilianskirche zeigt die Predella des Hochaltars von Hans Seyfer  aus dem Jahre 1498 die vier Kirchenväter, und Ambrosius hat den Finger im Buch. Er will sich eine Stelle merken und dringt drastisch und intim in das Buch ein. Wie Thorvaldsens Schiller auf dem Schillerplatz übrigens. Die Schönheit einer Bibliothek wie dieser liegt in ihrer Verbindung aus den historischen und gegenwärtigen Möglichkeiten des Lesens zu einem überreichen Potential.

Finger im Buch: Wir wollen uns etwas merken, wir wollen unser Gedächtnis füllen. Der heilige Augustinus spricht einmal vom „großen Hof meines Gedächtnisses“, eigentlich: vom riesengroßen Hof, ingens aula. „Daselbst sind mir Himmel, Erde und Meer gegenwärtig“, schreibt er im achten Kapitel des zehnten Buches der Confessiones. Aula läßt verschiedene Übersetzungen zu; es liegt jeweils die Vorstellung einer weitläufigen Architektur zugrunde. Und hier darf ich Sie daran erinnern, dass einer der originellsten Köpfe der Warburg Library, Dame Frances Yates, vor einigen Jahrzehnten einen verschollenen, doch höchst bedeutsamen Komplex des humanistischen Denkens freigelegt hat: die Architektur des Gedächtnisses oder das Theater der Erinnerung.

Die Antike hat, aus den Berufsbedürfnissen von Rhetoren heraus (die sich vielleicht zwanzig aufeinanderfolgende Punkte einer Gerichtsrede merken müssen), eine spezielle Memoriertechnik entwickelt – die Errichtung eines inneren Gedächtnistheaters, in dem man an eingeprägten Orten eines großen Raumes – in Nischen, auf Säulen – das zu Erinnernde in der Phantasie niederlegt. Wie dieses Phantasietheater aufs Seltsamste zu einer bedeutenden philosophischen  Metapher und zu noch mehr wird, wie es möglicherweise die Architektur von Shakespeares Globe Theatre beeinflusst und gewiss die hermetische Philosophie (etwa bei Giordano Bruno) mitgeprägt hat, läßt sich in Frances Yates‘ The Art of Memory nachlesen. Dieses theatrum memoriae hat geheime Bezüge zum Salomonischen Tempel, aber auch zur Arche Noah. Es scheint sich in einem der eindrucksvollsten und schönsten Lernorte überhaupt zu spiegeln, der Bibliothek Warburg in ihrer ursprünglichen Aufstellung in Hamburg. Aby Warburg hat seine Bibliothek streng geordnet, doch diese Ordnung war stets in Bewegung. Er hat immer wieder die angesammelten, sich stetig vermehrenden kostbaren Bestände umgestellt, neue Bezüge entdeckend und herausfordernd. Es kann – leider – nicht zu den Privilegien des Benutzers einer öffentlichen Bibliothek gehören, die Bände auf den Regalen umzustellen, aber innerlich kann er sich solche Ordnungen als Leser schaffen und sein eigenes theatrum memoriae konstruieren. Und das Entlanggehen an den Regalen unterwirft den Innenwelten erbauenden Leseflaneur Eindrücken, die er nicht bewusst selbst aufruft, er darf dem Zufall vertrauen. Die Bibliothek ist im Zeitalter der sich verströmenden elektronischen Möglichkeiten ein virtueller Ort und doch noch ein konkreter, an dem wir uns niederlassen können.

Wenn wir Platz nehmen und ein Buch lesen, sind wir anderswo, das heißt: wir sind im Herzen der Bibliothek. Der versinkende Leser hat Teil an der Magie des Geschriebenen, die Beckett so lakonisch am Schluss seines Romans Molloy zusammenfasst. Lassen Sie es mich noch einmal zitieren (auch mein text huldigt der Ästhetik der Wiederholung): „Alors je rentrai dans la maison et j’écrivis, Il est minuit. La pluie fouette les vitres. Il n’était pas minuit. Il ne pleuvait pas.” – „So ging ich nach Haus und schrieb: Es ist Mitternacht. Der Regen peitscht gegen die Fensterscheiben. Es war nicht Mitternacht. Es regnete nicht.“ Doch, flüstern stumm die Leser.

Was ist die große Bibliothek? Ein Ort, an dem es immer Mitternacht sein und regnen kann, wenn wir das wollen, indem wir den richtigen Text öffnen. Wir gratulieren noch einmal der Stadtbibliothek Stuttgart, die ein Jahr lang das Musterbeispiel eines solchen Ortes sein darf.


 

Joachim Kalka

Donnerstag, 24. Oktober 2013: „Preisverleihung Bibliothek des Jahres – Stadtbibliothek Stuttgart“

 

 

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letzte Änderung: 16.12.2013