Ausstellungseröffnung Wettbewerbsergebnisse Bibliothek 21

1. Juli 1999, 20 Uhr
 
 

Es war Sommer vor zwei Jahren, ich erinnere mich an den stimulierenden Duft von Zwetschgenkuchen, da haben Ingrid Bußmann, stellvertretende Direktorin der Stadtbücherei, und ich die Programmatik und das Raumprogramm für die Bibliothek 21 in Stuttgart 21 geschrieben. In knapp vier Wochen, unser OB gibt gern knappe Termine vor. Unser Papier hat der kritischen Begutachtung durch Gemeinderat, Experten-Hearing, Kollegium der Stadtbücherei im Wesentlichen standgehalten.

Wir haben die Programmatik für die Bibliothek 21 nicht aus den Wolken gegriffen. Die Programmatik ist der Extrakt eines mehrjährigen Prozesses in der Stuttgarter Stadtbücherei. In diesem Prozeß stecken die Erfahrungen mit den Zukunftsexperimenten der Stadtbücherei (Futuristischer Lesesalon, Lernateliers, CHILIAS, Mediothek zum Beispiel). In diesem Prozeß steckt kollegiale Reflexion über gesellschaftliche kulturelle, philosophische, wirtschaftliche, technologische, politische und bildungspolitische Entwicklungen, die die Zukunft von Bibliotheken bestimmen können. In dem Prozeß steckt unser Streben, mit der Bibliothek das Profil der Stadt Stuttgart in Lebensqualität, Wissensqualität und kultureller Ausstrahlung zu stützen und zu stärken.

In einem Punkt haben es Bibliothekare gut, sie arbeiten, wenn auch unter ständigem zeitlichen Stress und hohem Arbeitsdruck in einem Gehäuse, das gefüllt ist von Gedanken, Visionen, Erkenntnissen. Auch die vielen Gäste, die im Rahmen unserer Veranstaltungen auftreten, haben unsere "vorauseilende Phantasie" angetrieben. Beispielhaft möchte ich zwei Gäste des Abends nennen: Professor Döhl, der uns mit präzisem Vergnügen in virtuelle literarische Welten begleitet, und Professor Dohmen, der uns in langjährigem Gedankenaustausch ermutigt zu einem neuen Konzept des lebenslangen, selbstbestimmten Lernens in veränderten Lernumwelten.

Das lebenslange Lernen für alle ist die nahezu weltweite Forderung zur Zukunft der Weiterbildung. Nach Praxisformen wird überall gesucht. Wir antworten auf die Forderung mit der Inszenierung von Lernateliers in unserer Bibliothek. Den Lernateliers stellen wir Kunsträume gegenüber (Literatur, Musik, bildende Kunst) und das Kindermedienzentrum, schaffen flanierend Verbindungen hoffend auf unerwartete, innovative Impulse.

Dieses Modell ist auch für das Bundesministerium für Bildung und Forschung so interessant, daß wir in Verbindung mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung ein begleitendes Forschungsprojekt finanziert bekommen. Damit können wir uns auch inhaltlich profund und abgesichert auf die Bibliothek 21 vorbereiten.

In unserem Gedankengebäude erfüllt zudem die open-end-area einen innigen Wunsch unserer Besucher, die Öffnung eines Teils der Bibliothek nahezu rund um die Uhr.

Neben diesen genau beschreibbaren Bereichen haben wir uns ins Zentrum der Bibliothek ein "Herz" gedacht. "Ein Herz, was ist das?" hat uns Prof. Humpert immer wieder provozierend und spöttisch befragt. Das Herz als emotionaler Kern in der Funktionalität der Bibliothek, als Impulsgeber und Ort der Konzentration, als "Bühne der Bibliothek", als Ausdruck der Bedeutung von Bibliothek, das war eine Herausforderung auf die - finde ich - dann viele Architekten doch bedenkenswerte Antworten gefunden haben.

Ich will zugeben, daß ich - obwohl schon an beinahe 40 Bibliotheksbauten beteiligt - sehr bewegt bin durch die Erfahrung, wie jene Konzeption, als Idee in der Zeit des Zwetschgenkuchens aufgeschrieben, in einem letztlich anonymen Dialog von Architekten in Räume, zumindest auf dem Papier und im Modell, umgesetzt worden ist.

Als Dank an alle Büros, die sich beteiligt haben, haben wir die Ausstellung des Wettbewerbs im Wilhelmspalais aufgenommen, an einem Ort im Zentrum der Stadt mit ausgedehnten Öffnungszeiten, so daß die gute Publikumsresonanz gesichert ist.

Ich gratuliere allen Preisträgern sehr herzlich. Besonders Eun Young Yi, dessen Entwurf uns in Bann geschlagen hat. Er gibt eine unerwartete räumliche Antwort auf unsere geschriebene Konzeption, ein Gebäude, das Baugeschichte von Bibliotheken komprimiert und auf Zukunft setzt. Formen von Abschließen und Öffnen, Konzentration und Kommunikation also bestimmen in fein kalkuliertem Rhythmus das Haus. Die Suche nach dem inneren Ton, der Essenz der Bibliothek, führt zu geometrischen Grundformen, einfach und subtil zusammengesetzt. Vielleicht ist es das, was Lampungnani meint mit "auf den Inbegriff zurückgeführte Reichhaltigkeit".

Als ich Yi zum ersten mal angerufen habe, stellte ich die etwas alberne Frage "Haben Sie mit dem 1. Preis gerechnet?" Er antwortete "Ja, denn ich habe tief nachgedacht und intensiv gearbeitet". Keine schlechte Basis, um gemeinsam die Bibliothek 21 zu bauen, einem "Raumgebilde für die Sympathievorräte einer Stadt", um noch einmal mit Sloterdijk zu sprechen.

Dank an Gäste

Dank an Kollegium, das so engagiert und mutig die Schritte in die Zukunft der Bibliotheken geht (Netz der Stadtbücherei).

Dank an Dr. Schuster der die Bibliothek nachhaltig zu seiner Sache macht.

Mit einem Dank und Vergnügen leite ich auch zum nächsten Redner über. Professor Humpert, dem fordernden und spritzigen, unermüdlich dicke Bretter bohrenden Vorsitzenden des Preisgerichts. Auch er gehört in unsere Komposition des lebenslangen Lernens. Er hat das Preisgericht verführt, über Bibliotheken zu lernen, er hat die Sachpreisrichter begeistert, über Architektur zu lernen.

In unserer Programmatik heißt es im letzten Punkt "Die Bibliothek 21 heißt die Zukunft willkommen". Ich freue mich auf diese Zukunft der Bibliothek.
 
 

Hannelore Jouly

1.07.1999