Ingrid Bussmann, Stadtbücherei Stuttgart 25.10.98
KAW Kongreß Selbstgesteuertes Lernen - 4.-6.11.1998
 
Bibliothek 21 - Modell eines modernen Stützpunkts für das selbstgesteuerte lebenslange Lernen
 
Einleitung
Die Rahmenbedingungen
Das Raumprogramm der Bibliothek 21
Beispiel 1: Lernen durch die Inszenierung der Medien
Beispiel 2: Lernen durch unerwartete Inszenierungen
Beispiel 3: Lernen in der neuen Medienwelt
Beispiel 4: Lernen in der persönlichen Begegnung
Beispiel 5: Die Kinderbibliothek als Lernort
Die Bibliothek als Lernort für selbstgesteuertes Lernen
 

 

Bibliothek 21 - Modell eines modernen Stützpunkts für das selbstgesteuerte lebenslange Lernen
 

Einleitung

"Es müßte einen Ort geben, wo das Lernen, Entdecken, Erfinden und Finden sich konzentriert ereignen könnte. Der Besucher oder Benutzer dieses Ortes hätte dann die Gewißheit, vorhandenes Brauchbares leichter entdecken zu können. Er kann seine Ziele dann schneller als üblich erreichen. Ein Wunsch von heute kann Fakten für morgen schaffen."
Helmut Volkmann, München

"Wenn man dann nach den institutionellen Strukturen fragt, die für diese Unterstützung am besten geeignet sind, dann müssen dies offene Service-Einrichtungen für das Selbstlernen der Menschen sein, Dienstleistungsinstitutionen, die nicht unbedingt selbst Lernkurse anbieten, die aber alle notwendigen Hilfen für die verschiedensten Lernprozesse bereitstellen, aufbereiten und für die Menschen hilfreich und interessant machen.

Diese offenen Service-Centren für ein stärker von den Bürgerinnen und Bürgern selbst gesteuertes Lernen stehen strukturell gesehen modernen Bibliotheken, Mediotheken, Lernvermittlungsagenturen, Museen und auch Theatern näher als traditionelle Unterrichtsanstalten."
Günther Dohmen, Hearing Bibliothek 21

Diese Zitate umschreiben das Projekt, um das es heute nachmittag geht:

Wie kann ein solcher Ort aussehen, der Lernen, Entdecken, Erfinden und Finden anregt, das selbstgesteuerte Lernen unterstützt und stimuliert?

Sicher gibt es jetzt und in Zukunft ein Spektrum verschiedener Orte, die anregen zum selbstgesteuerten Lernen für.

Aber ein Ort scheint prädestiniert als Stützpunkt des selbstgesteuerten Lernens - die Bibliothek.

Die Stadtbücherei Stuttgart versteht sich als ein solcher Lernort - und konzipiert eine neue zukünftige Zentralbibliothek - die Bibliothek 21 als Atelier des selbstgesteuerten und innovativen Lernens.

Die Bibliothek 21 - das ist zunächst einmal ganz konkret die Planung für eine neue Zentralbibliothek der Stadt Stuttgart.

Die "Bibliothek 21" - das ist auch eine Philosophie für das System der Stadtbücherei Stuttgart, das nicht nur eine Zentralbibliothek, sondern auch ein Netz von Büchereien in den Stadtteilen umfaßt.

Und die "Bibliothek 21" kann oder könnte auch eine Philosophie sein für die öffentliche Bibliothek des nächsten Jahrtausends generell.

 

Die Rahmenbedingungen

Die Bibliothek als Lernort - da entstehen vermutlich verschiedene Bilder in ihren Köpfen.
Woran denken Sie, wenn Sie Bibliothek hören, welche Bilder verknüpfen Sie mit "Bibliothek".

Vermutlich lange Regalgassen und viele Bücher.

Aber denken Sie bei dem Begriff "Bibliothek" auch an viele junge Menschen wie auf diesem Photo, frech und heiter, kreativ und spielerisch.

Sie sehen - eine Bibliothek kann sich sehr unterschiedlich präsentieren. Wir sehen uns in Stuttgart als eine heitere und unkonventionelle Bibliothek, dem Theater näher als dem Informationszentrum.

Die Zentralbücherei der Stadtbücherei Stuttgart heute ist im Wilhelmspalais untergebracht, ein ehrwürdiges Palais mit innovativen Inhalten.

Und nun planen wir die Bibliothek 21 - wie sie einmal sein könnte, wir wünschen uns architektonisch ein etwas zukunftsweisendes und grenzüberschreitendes Haus.

Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge hier einige Fakten zu dem Projekt:

Im Dezember 1997 hat der Gemeinderat der Stadt Stuttgart diesen Neubau beschlossen mit 11.200m² Hauptnutzfläche, eine mutige, kühne und zukunftsweisende Entscheidung für das nächste Jahrtausend. Die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs wird gerade vorbereitet. Dieser Bibliotheksbau soll im Jahre 2003 fertig gestellt werden.

Dazu zunächst einige Rahmenbedingungen:

  • Stuttgart gehört mit rund einer halben Million Einwohnern zu den größeren Großstädten der Bundesrepublik, sicher nicht zu den ärmsten trotz knapper werdender Haushalte und schwäbisch geprägter Sparsamkeit. Aus einer Fusion der Energieversorgungswerke hat die Stadt Stuttgart eine größere Summe eingenommen. Der Oberbürgermeister der Stadt hat sich dafür eingesetzt, dieses Kapital nicht für die Haushaltskonsolidierung, sondern für zukunftsorientierte Projekte, die die Lebensqualität der Stadt stärken, einzusetzen. Zu diesen Projekten gehören eine neue städtische Galerie und die "Bibliothek 21", für deren Bau (einschließlich Grundstücks- und aller Nebenkosten) 90 Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden.
  • Die Deutsche Bundesbahn wird den Stuttgarter Hauptbahnhof - bisher ein Kopfbahnhof - zu einem Durchgangsbahnhof umbauen. Auf dem freiwerdenden Gleisareal entsteht ein neues Stadtgebiet - Stuttgart 21, Wohnbebauung, Büroflächen, Geschäftsbereiche, eine Chance für die Lebensqualität der Stadt, wenn es den Planern gelingt, Impulse für zukünftiges städtisches Leben zu setzen. Dies wird von den Bürgern in der Stadt durchaus kritisch betrachtet.
  • Ein neues Stadtgebiet braucht Leben. Eine Bibliothek kann zur Belebung des Gebietes und damit zur Attraktivität für Investoren beitragen, als "Frequenzbringer", wie es immer wieder in der Politik formuliert wurde. Eine mutige Herausforderung für die Bibliothek.
  • Doch immerhin: schon jetzt erreicht die Stadtbücherei Stuttgart rund 1,6 Millionen Besucher pro Jahr im ganzen System und rund 700.000 Besucher in der Zentralbücherei. Und für die neue Bibliothek kalkulieren wir vorsichtig mit rund 1Million Besuchern.
  • Die Stuttgarter Zentralbücherei ist mit 6400 m² verteilt auf drei Standorte und mit einem Medienbestand von rund 300000 Medieneinheiten die kleinste aller europäischen Zentralbibliotheken in vergleichbaren Städten.
  • Für die riesige Nachfrage ist der Bestand der Zentralbibliothek zu klein, Arbeitsplätze und Computerplätze reichen für die ständig steigende Nachfrage kaum aus, der Veranstaltungssaal platzt immer wieder aus allen Nähten - und wenn eine Veranstaltung von 500 Menschen besucht wird, wie der Vortrag des Philosophen Gadamer, können wir nur noch improvisieren.
  • Noch zu erwähnen ist, daß die Stadtbücherei Stuttgart pro Jahr 3,6 Millionen Bücher und Medien entleiht, rund 1000 Veranstaltungen im ganzen Stadtgebiet anbietet, rund 100 allein in der Zentralbücherei. Zur Zentralbücherei gehören die Erwachsenenbibliothek, die zentrale Kinderbibliothek, die Graphothek zur Ausleihe von Kunst sowie die Musikbücherei. 16 Stadtteilbüchereien und eine Fahrbücherei mit zwei Bücherbussen bieten den Bürgern wohnortnah Bücher, Medien und Information. Im Treffpunkt Rotebühlplatz erprobt seit 1991 unsere Mediothek neue Medien und Technologien und auch die enge Zusammenarbeit mit der Volkshochschule im gleichen Haus.
  • Rund 200 Menschen arbeiten im System der Stadtbücherei Stuttgart auf 166 Stellen, ein drittel davon in der jetzigen Zentralbücherei. Unser Budget umfaßt zur Zeit rund 18 Millionen Mark, davon erwirtschaften wir 10% durch eigene Einnahmen, von Benutzungsgebühren über Spenden bis zum Sponsoring.
  • Das Grundstück für das neue Haus liegt im ersten Bauabschnitt im Bereich hinter dem Bahnhof. Neben der Bibliothek 21 soll in enger Anbindung an die Bibliothek ein IMAX-Kino, ein Premierensaal, ein Science Center sowie eine Kindertagesstätte entstehen.
 

Das Raumprogramm der Bibliothek 21

Die Bibliothek 21 wird ein gastlicher Ort, der an sieben Tagen die Woche öffnet, 10 Stunden pro Tag und in Teilbereichen beinah rund um die Uhr.

Die Bibliothek 21 versteht sich als Stützpunkt des selbstgesteuerten und des innovativen Lernens und organisiert ihre Angebote in acht Lernateliers, drei Kunsträumen und dem Kindermedienzentrum.

Die acht Lernateliers präsentieren Printmedien und elektronische Medien verbunden mit Fachauskunftsplätzen animierend und inspirierend.

Mit den Lernateliers "Beruf-Karriere-Wirtschaft, Sprachen und fremdsprachige Literatur, Moderne Technik, Länder und Kulturen, Lebensorientierung, Stuttgart und Region, Medien und Gesellschaft, Sport und Freizeit" greifen wir die heutigen Nachfrageschwerpunkte auf - wohl wissend, daß wir für die Zukunft in der inhaltlichen Konzeption der Lernateliers offen für neue Entwicklungen sein müssen.

Zu den Lernateliers werden drei Kunsträume positioniert, Kunst, Literatur, Musik, - der Lesesalon, die Bildende Kunst mit Graphothek und die Musikbücherei.

In den Departments werden multimedial ausgestattete Lernplätze angesiedelt, für Einzelpersonen ebenso wie für Gruppen. Gruppenräume ermöglichen spontane, informelle oder organisierte Lernangebote.

Die Kinderbibliothek mit ihren spielerischen und kreativen Impulsen zur Förderung des Lesens und des selbstbewußten Umgangs mit neuen Medien hat in diesem Szenario besondere Prägnanz.

Die Open End Area - beinah rund um die Uhr geöffnet - bietet Animation zum Lernen mit Medienpräsentationen, weltweite Zeitungen, Zeitschriften, Recherche, Information Chill-Out - was immer das dann in der Realität wird - gemeint ist Abstand, Ruhe, Entspannung - internationales Bibliothekscafe mit Wintergarten und alle Serviceeinrichtungen der Bibliothek.

Flanierwege laden zum Sehen, Hören, Wahrnehmen ein - Entdecken und Finden., so wie das Zitat von Helmut Volkmann formuliert.

Sich immer wandelnde Inszenierungen zu besonderen Themen verbinden die Departments, so daß sich die ganze Bibliothek als ein Ort des Entdeckens präsentiert, in dem sich selbstgesteuertes und innovatives Lernen entfalten kann.

Und dann das "HERZ" - ein Raum für Vertiefung, Entschleunigung in unserer immer schneller werdenden Zeit, ein Raum der auch die Tradition bewußt erfahrbar macht - das besondere und schöne Buch, eine meditative Atmosphäre, vielleicht ein leerer Raum - vielleicht ein Zen-Garten.

Wie dieses Haus aussehen wird, wissen wir noch nicht. Der Architektenwettbewerb wird jetzt ausgeschrieben.

Wenn dies alles jetzt auch ein Blick in die Zukunft war, so gibt es eine Gegenwart, in der wir viele Schritte zur Bibliothek 21 als Stützpunkt des Lernens schon erproben. Ich lade Sie daher nun ein, zu einem Rundgang durch das Wilhelmspalais, die jetzige Zentralbücherei in Stuttgart. Ich zeige Ihnen Situationen aus dem Bibliotheksalltag, die wir als lernende Bibliothek als Ansätze und Experimente begreifen auf dem Weg zu einer Bibliothek als Stützpunkt des lebenslangen innovativen Lernens.

Beispiel 1: Lernen durch die Inszenierung der Medien

Lernen in der Bibliothek - was eine Bibliothek traditionell zum Lernort prädestiniert ist ihr Medienangebot - der lernende Mensch findet die Antworten zu seinen Fragen in den Büchern und Medien der Bibliothek.

Doch findet er die Antworten, die er sucht? Oder stellt er sich die richtigen Fragen?

Im Information Overload auf dem Weg zur Wissensgesellschaft sei die Kunst des Fragens als Technik zur Komplexitätsreduktion das, was wir wieder oder neu lernen müssen, las ich im Tagungsband über den Kongreß Zukunft Deutschlands in der Wissengesellschaft.

Die Fragen entdecken, muß jeder Suchende selbst. Aber die Bibliothek kann ein Ort sein, der die Medien in verschiedenen Nachfrage- und Lernzusammenhängen präsentiert und so das Fragen, das Entdecken und Finden inszeniert und selbstgesteuerte Lernen unterstützt.

Traditionell haben Bibliotheken ihre Bestände durch Systematiken erschlossen, wir gehen neue Wege. Wir beginnen, die Bestände in Sinnzusammenhängen zu präsentieren.

Sinzusammenhänge als Arrangements, die dem Suchenden Angebote machen, - und so nicht nur Medien als mögliche Antworten auf Fragen bieten, sondern auch neue Fragen stimulieren.

Und natürlich schließen solche Arrangements alle Medienarten mit ein.
Solche Sinnzusammenhänge zum selbstgesteuerten Lernen, die wir aus Nachfrageschwerpunkten entwickeln, sind beispielsweise

  • Sprachenlernen
  • Lebensorientierung
  • Neue Informationstechnologien
  • Heimatkunde
  • Sinnvolle Lebensgestaltung
Beruf - Karriere - Wirtschaft heißt unser erstes Lernatelier, das wir inszeniert haben.

Der Lernende, Suchende findet hier medienübergreifende Angebote zu seiner Frage, wie

Arbeitsrecht und Jobben im Ausland, Managementtechniken und Körpersprache, wie man seine Bewerbungen schreibt und gleich den PC dazu, um das Wissen umzusetzen.

Bei der Suche nach dem Profil der Firma, bei der er sich bewerben will, hilft die aktuelle CD-ROM-Datenbank, das Bewerbungsvideo unterstützt den Lernprozess, die Zeitung und Zeitschrift ist selbstverständliches Angebot, die Broschüre über organisierte Weiterbildungsangebote weist auf die Möglichkeiten des Kurslernens hin.

Und die Bibliothek verbindet die reale Medienwelt mit der virtuellen Welt.

Die Internet-Seiten zu BKW erschließen das Internet und geben Navigationshilfen im Informationsdschungel der Netze - auf diesen Punkt komme ich gleich noch mal zurück.

 

Mit dieser arrangierten Präsentation der Medien werden mehrere Ziele im Prozess des selbstgesteuerten Lernens erreicht:

  • Die Bibliothek bietet dem Suchenden, dem Lernenden durch diese Inszenierung der Angebote Hilfestellung, seine Antworten einfacher zu finden.
  • Die Bibliothek bietet dem Suchenden, Lernende Angebote, seine Fragen zu entdecken und zu strukturieren.
  • Das medienübergreifende Arrangement fördert den selbstverständlichen Umgang mit verschiedenen Medien und vermittelt im Tun Medienkompetenz. Der Lernende erfährt, wie unterschiedliche Medien bei unterschiedlichen Fragen und unterschiedlichen individuellen Bedürfnissen sinnvoll genutzt werden können. Das Arrangement der Medien in Sinnzusammenhängen bietet neue Bezüge und kann zu neuen Fragen anregen - Lernprozesse inszenieren. Der Lernende wird von Wissensangeboten umgeben und entdeckt neue Kontexte zu seinen Fragen.
 

Beispiel 2: Lernen durch unerwartete Inszenierungen

Lernen entsteht oft aus der Begegnung mit dem Unerwarteten, Provokativen oder nicht Erklärbaren. Und so inszenieren wir als Bibliothek ungewohnte Situationen von der ungewöhnlichen Präsentation über die angenehme Atmosphäre, über Ausstellungen und Präsentationen zum Lernen, Kunst und Literatur zur Begegnung mit Literaten und Künstlern.

Lernen besteht nicht nur aus der Aneignung und Verarbeitung von Sachinformationen, sondern auch aus der visuellen und emotionalen Anregung aus Kunst, Literatur und Musik.
Wir verstehen die Bibliothek als einen Ort, der die Künste verbindet und Lernen in dem Spannungsfeld von Sachinformation und künstlerischer Inspiration stimuliert.

 

Beispiel 3: Lernen in der neuen Medienwelt

Die Bibliothek versteht sich als Navigator und Lotse durch die neuen Medienwelten und unterstützt das selbstgesteuerte Lernen durch gezielte und schwerpunktorientierte Erschließung des Internets.

Seit 1995 gibt es in der Stadtbücherei Stuttgart öffentliche Internet-Zugänge - noch immer kostenfrei als Kennen-Lern- und Erprobungsangebot.

Das Internet wird zunehmend zu einem bedeutenden Lernmedium - um die für das Lernen erforderlichen Informationen zu finden, aber vorallem auch als interaktives Medium, das in der virtuellen Begegnung Lernprozesse im Dialog ermöglicht.

Die Unüberschaubarkeit des Netzes, der Information Overload sind Herausforderungen für jeden Lernenden. Die Bibliothek kann hier Hilfestellung bieten durch eine inhaltliche Erschließung des Netzes, die an Nachfrageschwerpunkten orientiert ist und den Suchenden unterstützt. Aktualität der Auswahl, regelmäßiges Up-Date und Qualität in der Auswahl sind Kriterien für das Angebot. Neue Kooperationen sind gefordert, zwischen Bibliotheken, aber auch Bibliotheken und anderen Institutionen.

Ein Projekt in der Erschließung des Internets ist "Lernen im Netz" - ein Angebot der Stadtbücherei Stuttgart, die neuen Lernmöglichkeiten, die das Internet bietet, zugänglicher und übersichtlicher zu machen. Hier verknüpft sich sehr deutlich das informelle, selbstgesteuerte und das institutionalisierte Lernen - im Lernen im Netz, aber auch in der Nutzung eines solchen Angebots durch diejenigen, die das institutionalisierte Lernen anbieten.

So wie wir die Begegnung mit dem Unerwarteten und mit künstlerischer Inspiration in der realen Welt inszenieren, so sind wir auch in der virtuellen Welt neue Wege gegangen.
Wir haben - in Zusammenarbeit mit einem Stuttgarter Künstler und Schriftsteller Reinhard Döhl - zu literarischen Projekten im Internet eingeladen. So entstand zu Ehren von Gertrude Stein ein internationales Epitaph im Netz mit zahlreichen Beiträgen von Künstlern aus aller Welt , die "Hommage an Helmut Heißenbüttel" vereint künstlerische Arbeiten zur Ehre Helmut Heißenbüttels, das poemchess ist ein spielerisches poetisches Internet-Schach, an dem sich 16 Autoren aus verschiedenen Ländern beteiligen und unter Federführung der Internetliteraturpreisträgerin 1996 der Zeitschrift Die Zeit, Martina Kieninger, wohnhaft in Uruguay und in Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut Montevideo ist ein spanisch-schwäbisches TanGoProjekt in Internet entstanden.

Mit diesen Projekten erproben wir das Internet als ein neues Experimentierfeld für produktive künstlerische Ausdrucksformen - neue Wege des innovativen Lernens mit den Möglichkeiten des Internets.

Beispiel 4 Lernen in der persönlichen Begegnung

Auch das selbstgesteuerte Lernen braucht die persönliche Begegnung. Lernen kann sich nicht isoliert allein entfalten - m.E. sind die Konzepte der 70er Jahre zum Selbstlernen daran gescheitert, daß die persönliche Interaktion im Lernprozeß unterschätzt worden ist.

Neben ihrem Medienangebot hat die Bibliothek traditionell eine besondere Qualität zur Unterstützung selbstgesteuerter Lernprozesse - den Auskunfts- und Beratungsdienst.

Je besser wir in der Bibliothek unsere Angebote erschließen, je besser der Zugriff auf unsere Bestände über die Technologie wird, desto anspruchsvoller und spezieller werden die Fragen, die unsere Besucher stellen.

Der Auskunftsdienst wird zunehmend zu einem unterstützenden Element in selbstgesteuerten Lernprozessen. Und wenn wir mit unserer Kompetenz und unseren Beständen Fragen nicht beantworten können, leiten wir weiter an andere Institutionen - erste Schritte zu einem zukünftigen Netzwerk des Lernens.

Begegnung in der Bibliothek - auch die Begegnung mit Autoren und Künstlern stimuliert persönliche Lernprozesse. Von den Vorträgen des Instituts für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie der Universität Stuttgart, die universitäre Lerninhalte einem breiteren Publikum zugänglich machen wollen und dafür den Ort Bibliothek nutzt, über die Begegnung mit jungen amerikanischen Autoren, die in ihrer Sprache lesen, multimedialen Künstlern bis zur Gesprächsreihe "Der Autor im Gespräch" in Zusammenarbeit mit dem Süddeutschen Rundfunk und der Volkshochschule Stuttgart, die Begegnungen mit Persönlichkeiten unserer Zeit ermöglichen.

Kürzlich war ich vom Goetheinstitut Johannesburg nach Südafrika eingeladen, um dort über unser Projekt CHILIAS, auf das ich noch komme, zu berichten. Beim abendlichen Empfang traf ich die Vertreterin des DAAD in Johannesburg, die - welch Zufall - wiederum Stuttgart kannte und mir begeistert berichtete, daß die Begegnung mit dem Philosophen Hans Jürgen Gadamer bei uns im Hause für sie bleibende Impulse gesetzt hat, die ihr Konzept ihrer Arbeit in Johannesburg stark geprägt haben. Das Beispiel spricht für sich.

Wir experimentieren mit neuen Veranstaltungsformen als Beitrag zum selbstgesteuerten Lernen - Expertengespräche, die auf den Dialog mit Experten abzielen, weniger auf den Vortrag. Von der Frage, wie sich die Arbeitswelt in Zukunft entwickelt und wie ich als Arbeitsloser in dieser Welt Fuß fassen kann über die Förderung hochbegabter Kinder bis zur Meditationstechnik bieten diese offenen und temporären Gesprächskreise Anregungen zur persönlichen Weiterentwicklung und Entfaltung.

Und dann inszenieren wir Begegnungen, die dem Kurslernen sehr nahe kommen - da wo wir über die Kompetenz verfügen, Inhalte zu vermitteln - von der Anleitung der Benutzer im Umgang mit der Bibliothek und ihren Angeboten bis zur regelmäßigen Einführung in das Internet. In einer zweistündigen Veranstaltung werden Grundlagen des Internets vermittelt für kleine Gruppen, nach Voranmeldung und stark an den Fragen der Gruppe orientiert. Oder in einem besonderen Veranstaltungsangebot Internet-Einführungen für Senioren oder Kinder oder Jugendliche angeboten. Allerdings haben wir hier auch sehr schnell unsere Grenzen erfahren und werden in Zukunft mit professionellen Anbietern kooperieren.

 

Beispiel 5 - die Kinderbibliothek als Lernort

Lernen in der Kinderbibliothek gehört zur Tradition der Bibliothek als Lernort genauso wie die Zusammenarbeit zwischen Bibliothek und Schule in der Bibliotheksarbeit fest verankert ist.

Die Kinderbücherei im Wilhelmspalais in Stuttgart und die Kinderbüchereien in den Stadtteilbüchereien entwickeln sich zu Kindermedienzentren, in denen Kinder den Umgang mit der Medienvielfalt, mit den Chancen und Grenzen der verschiedenen Medien lernen und erproben.

Dazu gehören PC-Lernplätze in der Bibliothek - immer umlagert, meist von Gruppen genutzt, Kontakt stiftend, auch und gerade multikulturelle Kontakte.

Dazu gehören spielerisch inszenierte Ereignisse wie das Hexenfest, das die Kinderbücherei mit Kindern gemeinsam inszeniert, um selbstproduzierte Videos, Theaterstücke, Tonbeispiele und Lieder zu oräsentieren - erarbeitet in Workshops, die die Kinderbücherei unter Anleitung von Experten anbietet, um eine Geschichte in die verschiedenen medialen Formen umzusetzen und so die Möglichkeiten der verschiedenen Medien zu erproben.

Und dazu gehört unser Infoplanet - ein Web-Forum für Kinder, das wir im Rahmen eines europäischen Projektes mit Partnern aus England, Finnland, Spanien, Portugal und Griechenland gestaltet haben, ein Projekt, das unter unserer - meiner Federführung und Koordination stand.

Der Infoplanet präsentiert

  • Was Kinder immer schon über Autoren wissen wollten in der Autorengalerie,
  • Informatives aus dem Reich der Tiere, aus Musik und Sport
  • ein Gästebuch, um mit Kindern im eigenen Land und in anderen Ländern zu kommunizieren
  • einen Geschichtenbaukasten, um Geschichten online auf dem Web zu publizieren
Es gibt sechs Infoplaneten in den Sprachen der Partnerländer mit gemeinsamen Angeboten, aber auch lokalen Unterschieden.

Viele Seiten des Infoplaneten sind von Kindern selbst gestaltet worden - in der Bücherei haben sie als Internet-Reporter den Umgang mit Scannern, Web-Editoren und Web-Design gelernt, und sie haben gelernt, daß man erst mal in Büchern und Medien Fakten recherchieren muß, ehe man Web-Seiten gestalten kann.

Unter Anleitung der Kinderbibliothekarinnen erkunden Kinder das Internet- entdecken für sie interessante Seiten und besuchen ganz real das Studio des neuen digitalen Radios oder die Redaktion einer großen Stuttgarter Tageszeitung, um im Infoplanet zu berichten.

Das Projekt CHILIAS ist ein Beispiel für neue Wege des Lernens in der Bibliothek. In der Arbeit mit den Kindern haben die Bibliotheken in allen beteiligten Ländern selber Inhalte vermittelt (Web-Design). Mit dem Infoplaneten haben die Bibliotheken selbst Inhalte auf dem Netz gestaltet - europaweit eine neue Rolle für Bibliotheken. In diesem Projekt ist ein neues Netzwerk von Kooperationen entstanden - mit Autoren, Verlagen, Schulen, Medieninstitutionen.

Parallel zum Infoplanet haben sich in Stuttgart die schon beschriebenen Internet-Angebote für Erwachsene entwickelt - beide Entwicklungslinien stärken die Rolle der Bibliothek als neuer Lernort.

Und eine Qualität der Bibliothek als Lernort sind die Übergänge: in der Kinderbibliothek lernen durchaus auch die Erwachsenen - mit den Kindern, und im Bereich neuer Technologien oft auch von den Kindern.

 

Die Bibliothek als Lernort für selbstgesteuertes Lernen

Was prädestiniert die Bibliothek zum Stützpunkt des selbstgesteuerten lebenslangen Lernens?

"Zukunftschance Lernen" so nannte der Club of Rome seinen "Bericht für die achtziger Jahre". In der Studie heißt es

"Lernen erfordert ein umfangreiches Reservoir an Bezügen. Innovatives Lernen muß deshalb die Fähigkeit des Individuums, neue Sinnbezüge zu finden, aufzunehmen und zu schaffen, fördern - kurz es muß den Bestand an Sinnbezügen bereichern."

Lebenslanges Lernen ist sicher keine neue Forderung - aber sie stellt sich neu, angesichts des technologischen und damit verbunden gesellschaftlichen Wandels - wenn ich persönlich bedenke, was ich in den letzten Jahren in meinem Beruf an neuem Wissen erlernt habe, nicht durch Kurse, sondern durch Lektüre, Gespräch, Ausprobieren, learning by doing and on the job - selbst gesteuert, immer da, wo sich mir ein konkretes Problem gestellt hat, vom Umgang mit dem Computer und dem Internet, über email und Managementqualifikationen für ein europäisches Projekt. Jeden Tag lerne ich neu.

Als Bibliothek sind wir in vielerlei Hinsicht ein prädestinierter Ort des informellen und selbst gesteuerten Lernens:

  • Das Publikum öffentlicher Bibliotheken ist ausgesprochen lernorientiert und motiviert zum Lernen. -Rund 40% unserer Besucherinnen und Besucher sind jünger als 40 Jahre und suchen in der Bibliothek Material für Schule, Ausbildung und Beruf. Das Erlernen von Fremdsprachen liegt seit langem an der Spitze der Nachfrage. Betriebswirtschaftliche Themen wie Mitarbeiterführung oder neue Entwicklungen in Management und Arbeitswelt nehmen zu, ebenso wie die Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie. Wir beobachten die Nutzung der Bibliothek intensiv und nehmen wahr, daß unsere Kunden die Bibliothek als Lernort brauchen.
  • Lernen erfordert Bezüge - kein Ort kann eine solche Vielfalt von Bezügen anbieten wie die Bibliothek mit ihrem Medienspektrum und Wissensangeboten.

  • Und die Bibliothek bietet diese Bezüge in zwei Annäherungsformen: strukturiert und organisiert, klassisch mit Erschließungen und systematischen Wegen des Auffindens, aber auch verblüffend und in neuen Kontexten - wie ich mit meinen Beispielen gezeigt habe.
  • Sinnbezüge als Kontext für Lernen - hier bietet die Bibliothek die Chance, die Sachinformation mit literarischen, künstlerischen und kreativen Bezügen zu verknüpfen und so Impulse für Lernen und Denken in einem ganzheitlichen Ansatz zu setzen.
  • Hypertext und Hypermedia-Strukturen werden Wahrnehmung, Denken und Lernen verändern. Die Bibliothek - wie wir sie verstehen - ist ein Hypertext des Wissens und wenn die Thesen über das neue Lernen und Denken in Hypertextstrukturen sich bestätigen, werden wir in der Inszenierung und Präsentation die Verbindungen und Verknüpfungen noch intensiver gestalten müssen.
  • Lernen erfordert persönliche Begegnung - die Bibliothek kann offene, informelle und organisierte, strukturierte Begegnungen anbieten.
  • Die Bibliothek ist ein Experte in neuen Informationstechnologien. Sie ist damit auch ein Lernort für den Umgang mit neuen Technologien. Sie ist "Wegweiser" in den virtuellen Welten und hilft, die Fragen zu finden, für das Wissen, das wir suchen.
  • Die Bibliothek ist öffentlicher Raum - offen, zugänglich - informell und ohne Festlegung nutzbar, Experimentierfeld zum Ausprobieren von Neuem - und so ein Ort der Erprobung neuen Lernens - auch für den Lernenden, der sich seiner Lerninteressen noch nicht sicher ist. Dabei könnte die Bibliothek auch eine Schnittstelle im Übergang vom selbstgesteuerten zum organisierte Lernen werden.
Was wird nun die Bibliothek 21 als Lernort über die schon gezeigten Wege hinaus leisten?

Punkt 1:

Die Bibliothek 21 entwickelt ein Netzwerk von Beratern und Experten, die bereit sind, Kenntnisse, Informationen, Wissen weiterzugeben - in realen und virtuellen Begegnungen, im Dialog mit dem Einzelnen zu gezielten Fragen, in lose organisierten Formen des Lehrens und Lernens. Die Vision - der Lernende sucht Unterstützung, die Bibliothek bietet die email-Adresse des Experten, stellt den Kontakt her, vielleicht auch das Equipment für Telelernen und Videokonferenz..
Dieses Netzwerk umfaßt in der Zukunftsvision auch die Vermittlung an Weiterbildungsanbieter und die Information über organisierte Kursangebote - die Bibliothek als Drehscheibe im Geflecht der verschiedenen Lernmöglichkeiten.

Punkt 2: Die Bibliothek 21 bietet sich als Ort für selbstorganisiertes Lernen in Gruppen an - stimuliert und vermittelt Lernen - vom internationalen Sprachencafe bis zur Selbsthilfe in Erziehungsfragen. Auch hier verknüpft sich der offene Lernort Bibliothek mit Experten und organisierten Lernangeboten.

Punkt 3: Die Bibliothek 21 bietet verstärkt Materialien zum Selbstlernen. Sie erschließt das Material und gibt Orientierungshilfen bei der Auswahl. Die Bibliothek 21 initiiert aufgrund ihrer Erfahrungen die Produktion geeigneter Materialien in einer neuen Form der Zusammenarbeit mit Verlagen, Autoren und Bildungseinrichtungen.

Punkt 4: Die Bibliothek 21 bietet fachkundige Beratung im Netz verschiedener Lernwege und Lernmöglichkeiten. Die Bibliotheksexperten werden grundsätzlich nicht zu Lehrenden, aber zu Vermittlern in Lernprozessen.

Punkt 5: Die Bibliothek 21 unterstützt das selbstgesteuerte Lernen multimedial und bietet Zugang zur Erprobung neuer Technologien. Im Information Overload hilft sie, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Sie macht virtuelle Lernangebote zugänglich und gestaltet selbst in Zusammenarbeit mit Experten Angebote in Netzen - als Content Provider.

Punkt 6: Die Bibliothek 21 wird eine Drehscheibe in einer lernenden Stadt, vielleicht in einer lernenden Gesellschaft. Sie wirbt für die Idee des selbstgesteuerten Lernens und ist Modell und Impuls für die Zukunft.

Punkt 7: Die Bibliothek, die sich als Stützpunkt des selbstgesteuerten Lernens versteht ist selbst eine lernende Organisation. Das selbstgesteuerte Lernen gilt auch für das Lernen der Mitarbeiter in dieser Organisation.

 
 
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