«Informatik aktuell» des Schweizerischen Institutes für Berufspädagogik (SIBP); Mai 2004


Ingrid Bussmann, Stadtbücherei Stuttgart


Die Mediothek als Ort des selbstgesteuerten Lernens

"Es müßte einen Ort geben, wo das Lernen, Entdecken, Erfinden und Finden sich konzentriert ereignen könnte. Helmut Volkmann, München

(Folie)

Wie kann ein solcher Ort aussehen, der Lernen, Entdecken, Erfinden und Finden anregt, das selbstgesteuerte Lernen unterstützt und stimuliert? Sicher gibt es inzwischen ein Spektrum geeigneter Orte. Aber ein Ort scheint besonders prädestiniert dafür - das ist die Bibliothek. Wie die Bibliothek im Netzwerk der Bildungseinrichtungen lebenslanges Lernen unterstützt und welche spezifischen Kompetenzen sie in dieses Netzwerk einbringen kann, möchte ich Ihnen in meinem Vortrag am Beispiel der Stadtbücherei Stuttgart zeigen.

Die Stadtbücherei Stuttgart versteht sich als ein innovatives Haus des Wissens und Lernens, nicht nur in der Zentralbücherei im Wilhelmspalais mit der Kinderbücherei, der Musikbücherei und der Graphothek, auch in den 16 Stadtteilbüchereien, der Mediothek im Treffpunkt Rotebühlplatz und der Fahrbücherei. Damit Sie eine Vorstellung von unserem System haben, hier einige Zahlen. (Folie)

In Stuttgart gibt es kein ausgebautes Schulbibliothekswesen, nur eine unserer Stadtteilbüchereien ist auch gleichzeitig Schulbibliothek. Aber wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit Schulen.

Seit Mitte der 90er Jahre haben wir uns dem Ziel verpflichtet, die Bibliothek zu einem Stützpunkt des lebenslangen Lernens zu entwickeln. Anlass war die Perspektive, ein Programm für einen Neubau der Zentralbücherei zu entwickeln, die Bibliothek 21. Zwar ist dieser Neubau noch immer nicht verwirklicht, aber die Zukunftskonzeption der Bibliothek 21 als Lernort wird schon heute Schritt für Schritt Wirklichkeit. Der Focus unserer Philosophie liegt auf dem selbstgesteuerten oder besser selbstorganisierten Lernen, in dem die Bibliothek ein Ort ist, der Zugänge zu Wissensquellen, zu Lernmaterialien bietet, der Wissen strukturiert, der Lernwege aufzeigt in Zusammenarbeit mit pädagogischen Experten- Stichwort Lernberatung, der Wege zu organisiertem Lernen in Kursen zeigt. Die Bibliothek ist aber auch ein Ort der Anregung und Inspiration, der durch neue Lernarrangements und durch Begegnungen mit Literaten, Künstlern oder Expertengesprächen Denkanstösse vermittelt, innovatives Lernen unterstützt, Neugier vermittelt sowie Spass und Freude am Lernen fördert.

Diese Philosophie wurde im Rahmen eines wissenschaftlichen Begleitprojektes des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung von 1999 bis 2002 weiterentwickelt. Das Projekt EFIL hat uns viele Erkenntnisse über unsere Kunden und ihre Lernbedürfnisse vermittelt. Und es war sehr deutlich, dass die Brücke zwischen "Wissenstempel" und "Anregungsraum" von unseren Kunden sehr wahrgenommen wird.

Seit Abschluss dieses Projektes boomt die Nutzung der Bibliothek als Lernort -wir beobachten zunehmend Arbeitsgruppen junger Erwachsener, die sich in der Bibliothek treffen, um gemeinsam zu lernen. Unsere Nutzung hat im letzten Jahr noch mal um 3% zugenommen, in den Vorjahren lagen die Steigerungsraten zwischen 8 und 10% . Davon sind ein Drittel Kinder und Schüler bis ca 12 Jahren, 80% der Kunden sind unter 40 Jahren, der Anteil der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren hat zugenommen, wir erreichen inzwischen 70% der in Stuttgart lebenden Jugendlichen. Die Stadtbücherei Stuttgart befindet sich auf dem Weg zu einem anregenden Atelier des Lernens in enger Kooperation mit den Bildungseinrichtungen der Stadt.

"Das Konzept, während des ganzen Lebens zu lernen ist der Schlüssel, der die Tür zum 21. Jahrhundert öffnet. Es .. knüpft an das Konzept der lernenden Gesellschaft an, nachdem jeder die Fähigkeit besitzt zu lernen und das eigene Potential auszuschöpfen, .. lernen, Wissen zu erwerben, lernen, zu handeln, lernen, zusammenzuleben und lernen für das Leben." So hieß es im UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert 19??.

Und Güther Dohmen sagt "Alle Menschen lernen bewusst und unbewusst ihr Leben lang." Sie lernen nicht nur in Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen, sie lernen in ihrem persönlichen Alltag, in der Begegnung mit anderen Menschen. 70% aller menschlichen Lernprozesse finden laut Dohmen außerhalb der autorisierten Bildungseinrichtungen statt.

Lernen hat sehr viele Facetten, auch die Begriffe lebenslanges Lernen, informelles Lernen, selbstgesteuertes Lernen werden mit unterschiedlichen Implikationen genutzt. Selbstgesteuertes Lernen wird oft als Methode innerhalb von Kursen diskutiert, ich kenne den Begriff als Lernen mit Selbstlernkursen und ich kenne "selbstgesteuertes Lernen" als eine Lernhaltung des Individuums, dass seine Lernprozesse selbst in die Hand nimmt und organisiert, in Kursen, außerhalb von Kursen, in virtuellen oder realen Lernsituationen, mit oder ohne Tutor, Anleitung oder Beratung. Im so verstandenen Prozess des selbstgesteuerten Lernens bietet die Bibliothek Unterstützung, sie organisiert nicht die Lernprozesse; sondern sie schafft Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Lernende, die ihre Lernprozesse selbst in die Hand nehmen.

Wie kann die Bibliothek selbstgesteuertes Lernen unterstützen?

Wir unterstützen

Wir sind

Wir fördern Vernetzung und pflegen Netzwerke.

Lernen mit allen Medien

Nicht die Verfügbarkeit von Informationen ist die Herausforderung der Wissensgesellschaft, sondern die Orientierung, die Fähigkeit, Informationen zu selektieren, zu bewerten und in Handeln umzusetzen. Norbert Bolz

Was eine Bibliothek traditionell zum Lernort prädestiniert ist ihr Mediensortiment, denn der lernende, suchende Mensch findet zunächst mal seine Antworten in den Büchern und Medien der Bibliothek. Die Aufgabe der Bibliothek ist es, Wissensquellen zugänglich zu machen durch die Bereitstellung und Erschließung des Medienangebots. Dazu gehören selbstverständlich die Printmedien, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, aber genauso selbstverständlich alle anderen Medien von der CD zur DVD, Lernsoftware und online-Datenbanken, CD-ROM-Datenbanken die Bereitstellung von Internet-Arbeitsplätzen, die Erschließung des Internets, Lern-PCs in der Bücherei, sowie Angebote zur experimentellen Erprobung neuer Technologien.

In der Philosophie der Stadtbücherei Stuttgart spielt die Balance zwischen den herkömmlichen Printmedien und den digitalen Medien die entscheidende Rolle. In vielen Bibliotheken nennt man das inzwischen die "Hybride" Bibliothek wir haben diesen Begriff für uns nicht adaptiert. Balance bedeutet, die Bibliothek fühlt sich dem Buch verpflichtet und setzt sich für den Erhalt der Buchkultur engagiert ein. Gleichzeitig öffnet sie Wege zu den digitalen Medien. Digitale Medien und Printmedien ergänzen sich bis hin zu den Entscheidungen über den Bestandsaufbau.

Eine zentrale Stärke der Bibliothek ist ihre Kompetenz, Wissensquellen nicht nur bereitzustellen, sondern Wege zu den richtigen Quellen aufzuzeigen virtuell und real. Beispielsweise bietet die Homepage der Stadtbücherei den Zugang zu Internetadressen, die ähnlich wie die Printmedien lektoriert, also auf Verlässlichkeit und Aktualität geprüft werden. Die Bibliothek strukturiert ihr reales Angebot in Themenbereiche, traditionell nach der Wissenschaftssystematik oder in neuen Sinnzusammenhängen, wie beispielsweise in unseren Lernateliers.

Unter "Lernatelier" verstehen wir eine Strukturierung der Bibliothek, die nicht von der Wissenschaftssystematik ausgeht, sondern heutige Nachfrageschwerpunkte aufgreift wie "Beruf-Karriere-Wirtschaft, Sprachen und fremdsprachige Literatur, Moderne Technik, Länder und Kulturen, Denken-Leben-Handeln, Stuttgart und Region, Medien und Gesellschaft, Sport und Freizeit".

Die "Lernateliers" sind kleine Organisationseinheiten, eigenverantwortliche Teams innerhalb der Zentralbücherei. Die Teams sind für das Mediensortiment im Lernatelier verantwortlich, für die fachliche Beratung, für Medienpräsentationen und Veranstaltungen sowie für die Kontakte zu Institutionen in der Stadt, die für den Themenbereich relevant sind. Die Lernateliers integrieren Printmedien und digitale Medien. In unserer Zukunftsvision sollen den Lernateliers jeweils Auskunftsplätze mit Fachexperten zugeordnet werden sowie multimedial ausgestatte Arbeitsplätze. Gruppenräume werden in Zukunft spontane, informelle oder organisierte Lernangebote ermöglichen. In unserer heutigen Raumsituation in der Zentralbücherei lässt sich das noch nicht verwirklichen. In den Stadtteilbüchereien bauen wir zunehmend Lernecken mit Computerarbeitsplätzen und entsprechenden Programmangeboten auf sowie Themenbereiche wie "Schule" oder "Abitur". Auch virtuelle Materialsammlungen zu häufig gefragten schulischen Themen sind für die Zukunft geplant.

Unsere Lernateliers informieren auch über weitergehende Angebote zum Lernen, weisen beispielsweise auf Institutionen hin, die Kurse anbieten. Sie erschließen das Internet themenorientiert und bieten virtuell eine Verbindung zwischen URLs und Printmedien.

Beispiel: :

Das Sprachenatelier

Startseite Lernateliers

Startseite: Sprachen der Welt -

Sprachen der Welt spiegelt schon auf dem Einstiegsbogen die verschiedensten

Lernformen wieder.

Links ins Internet: Sprachen lernen online

Tandemlernen links ins Internet und eigene Seiten für Lernpartnerschaften

Aufbereitete Links: Direktzugang zu Wörterbüchern und Übersetzungshilfen im Netz

Die Seite der Wörterbücher und Nachschlagewerke ist eine der am stärksten

frequentierten. Die Benutzer arbeiten und lernen ganz selbstverständlich mit englischen und deutschen Lehrwerken - dazu wird häufiger auch mal ein Online-Übersetzungsdienst benötigt.

Virtuelle schwarzes Brett

Verbindung Printmedien URLs = medientipps

Die Ateliers bieten Expertengespräche und vermitteln Lernpartner beispielsweise im Sprachenatelier oder im virtuellen Schwarzen Brett, das für die Musikbücherei angeboten wird und für das Sprachenatelier geplant ist.

Um den Lektoren die Arbeit mit dem Internet zu erleichtern, haben wir ein Redaktionssystem programmieren lassen, das die Pflege des Internet-Angebots sehr erleichtert. (Beispiel)

Folie Lernen mit freier Software und open content
Als neues Lernarrangement bietet die Stadtbücherei seit Februar dieses Jahres ein Projekt "Lernen mit freier Software" an. Ziel ist, dass unsere Kunden den Umgang mit der Linux-Welt erproben können. Wir leihen Notebooks mit open office software aus und bieten Vorträge zum Thema "open content" sowie eine Linux-Sprechstunde. Weiterhin bauen wir eine Datenbank auf mit Volltexten aus unserer Arbeit, um Wissen, das im Kontext von Veranstaltungen produziert wird, auch für die Zukunft zugänglich zu machen.

Lernen mit allen Medien - Mediotheken, die wie bei Ihnen, direkt in den Schulen angesiedelt sind, haben hier große Chancen, durch enge Kooperation mit den Lehrern gezielte Angebote für den Unterricht zu gestalten, die dann die Schüler zum selbständigen Lernen nutzen können Linklisten, Handapparate, Medientips, vielleicht ja auch e-learning Programme, die in der Mediothek bearbeitet werden können. (Beispiel Frauen ans Netz).

 

Lernen mit allen Sinnen

"Das Gehirn lernt immer. Und es kann eines nicht: nicht lernen!.."Unser Gehirn produziert durch die Erfahrung, die jeder einzelne von uns macht, jeweils eine Version von Welt und Realität."

Jede Wahrnehmung und Erfahrung, jede Anregung der Sinne führt zu neuem Lernen. Und so verstehen wir die Bibliothek als einen Ort, der durch innovative Arrangements zum Lernen verführt und so den Suchenden, Fragenden neue Anregungen für Lernprozesse und die Wissensaneignung vermittelt. Bei einer Besucherbefragung im Rahmen des Projektes EFIL haben 80% unserer Besucher geantwortet, dass sie oft in der Bibliothek etwas finden, was sie gar nicht gesucht haben und die Bibliothek als Anregungsraum wahrnehmen. Die Anregung entsteht durch Medienpräsentationen, die neugierig machen auf aktuelle Themen, durch Rauminszenierungen und Ausstellungen in Zusammenarbeit mit Künstlern, die immer wieder eine neue Atmosphäre für das Haus kreieren, Angebote, die zum Entdecken einladen, wie beispielsweise das Projekt "Victoire je suis encore au lit". der Künstlerin Dorothea Schultz. Die Künstlerin hat einige Monate in der Bibliothek gezeichnet und ihre Zeichnungen in den Büchern der Bibliothek verborgen. Wer eine Zeichnung in einem entliehenen Buch fand, konnte sie behalten. Manche Kunden waren begeistert, manche irritiert, manche haben die Kunst nicht als Kunst wahrgenommen. Die Anwesenheit der Künstlerin zwischen den Buchregalen macht die Besucher neugierig, es entstehen en passent Gespräche, Menschen befassen sich mit Kunst, die eigentlich gar nicht deshalb in die Bücherei gekommen sind.

Bibliotheken sind Vermittler kultureller Kompetenz und schlagen eine Brücke zwischen Bildung und Kultur. Die Vermittlung von Zugängen zur Literatur, zur Kunst, zur Musik spielt in unserem Profil eine zentrale Rolle. Dazu gehören neben den Veranstaltungen Literaturprojekte in Zusammenarbeit mit Schulen, Ausstellungsmöglichkeiten für Schulprojekte in den Stadtteilbüchereien, gemeinsame Feste rund um Kunst und Literatur bis zu regelmäßigen Workshops zu Kunst und Literatur für Schulklassen in der Bücherei.

Im Bereich des literarischen Programms der Stadtbücherei lässt sich die Zusammenarbeit mit Schulen noch intensivieren, in dem das Programmangebot noch stärker mit schulischen Themen vernetzt wird. Ähnliches gilt auch für das Themenfeld "Partizipation an der Wissenschaft". Die Stadtbücherei bietet in Kooperation mit der Universität Stuttgart viele Vorträge an, die auch für Schulen von großem Interesse sind. Hier ist aber die Kooperation oft sehr zufällig.

Die Sinne anregen durch immer wieder neue Inszenierungen ist uns ein zentrales Thema.

Dazu gehört die Gestaltung der Räume einladend, licht, anregend. Die Mediothek sollte mehr sein als ein Bücherlager, aber auch nicht nur ein Computerraum. Raumzonen, die auf verschiedene Interessen eingehen, vom Entspannen über das Arbeiten am PC zu Gruppenarbeitsmöglichkeiten und Flächen für kleine Veranstaltungen. Und wenn die Räume es ermöglichen, ist auch ein Lesegarten sehr reizvoll. Und natürlich gehört zum Lernen mit allen Sinnen die Gastlichkeit der Bibliothek. Wenigstens einen Kaffee soll man in der Bibliothek trinken können, auch wenn wir heute noch kein richtiges Cafe anbieten. Aber zu jeder Veranstaltung gehört eine kleine Bewirtung. Wir glauben, dass eine angenehm gestaltete Umwelt Lernen befördert, dass Verblüffung und Irritation Neugier weckt und dass eine positive Wahrnehmung des Lernortes das Lernen fördert.

Lernen durch persönliche Begegnung

Lernprozesse sind ohne die Begegnung mit anderen Menschen, ohne den Dialog nicht denkbar. Um Information in Handeln umzusetzen, braucht es den Diskurs. Oft entsteht der Diskurs in der Bibliothek spontan, Besucher geben sich gegenseitig Tipps, tauschen Erfahrungen aus. Lerngruppen treffen sich regelmäßig in der Bibliothek zum gemeinsamen Arbeiten und Diskutieren. Diese Entwicklung ist zunehmend zu beobachten. Die Bibliothek organisiert Diskurs durch ihr Veranstaltungsangebot. Begegnungen mit Künstlern, Literaten, Wissenschaftlern, Vorträge, Lesungen, Expertengespräche.

Zur persönlichen Begegnung gehört auch der kompetente Auskunftsdienst der Bibliothek. "Sie haben Fragen, wir haben Antworten" ist ein Slogan, mit dem Bibliotheken werben. Dieser Auskunftsdienst gewinnt an zunehmendender Bedeutung, denn da wo google nicht weiterhilft, sind die Informationsexperten gefordert. Gerade in Mediotheken in Schulen kann hier durch gute Vorbereitung und Kooperation zwischen der Mediothek und den Lehrern das selbstgesteuerte Lernen der Schüler optimiert werden.

Stuttgart hat das vermutet man in der Regel nicht eine sehr multikulturelle Bevölkerung, über 25% der Stuttgarter sind nicht deutscher Herkunft. Dies spiegelt sich auch intensiv in der Nutzung des Lernortes Bücherei so spielt das Erlernen der Deutschen Sprache eine zentrale Rolle. Neben dem "Sprachencafe" mit Vorträgen in spanischer oder russischer Sprache bei Tee oder einem Imbiss erproben wir im Bereich Sprachenlernen gerade einen offenen Termin für Mitbürger, die ihre deutschen Sprachkenntnisse verbessern wollen. Wie bei allen Angeboten geht es nicht um einen Kurs mit festen Teilnehmern, sondern darum, Anlässe zu schaffen, miteinander zu sprechen und so die Sprache zu üben, sicher auch auf Schüler übertragbar.

Die Kinderbücherei bietet einen "Sprachenbalkon" mit Lernmaterialien zum Deutschlernen, aber auch Geschichten in den Herkunftssprachen der Kinder. Mehrsprachige Bilderbuchshows oder Veranstaltungen fördern die Sprachkompetenz ebenso wie die Unterstützung von Integrationskursen in den Stadtteilen oder eben die Lernberatung zum Sprachenlernen zusammen mit der Volkshochschule wir reagieren auf den Bedarf eben nicht nur durch Bereitstellung von Material, sondern durch aktive Angebote zur Vermittlung. Und mit diesen Angeboten ergänzen und vertiefen wir die Zielsetzung anderer Bildungseinrichtungen, unser Part ist die spielerische, kreative offene Vermittlung.

Ein deutlich steigender Bedarf liegt bei individuellen Beratungsangeboten. Junge Erwachsene, die in der Bücherei den Textverarbeitungs-PC nutzen, um eine Bewerbung zu schreiben, aber Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, wünschen sich Ansprechpartner in der Bibliothek, die bei der Formulierung und Gestaltung unterstützen. Oder ältere Menschen, die mit der neuen Technik nicht klar kommen und ganz einfache Grundfragen haben, beispielsweise "wie gehe ich mit einer Maus um" wünschen sich persönliche Unterstützung in der Bücherei. Wir reagieren im Rahmen unserer Ressourcen experimentell auf diesen Bedarf, probieren Bewerbungsberatung für junge Menschen oder individuelle Internetsprechstunden, bieten die Linuxsprechstunden oder Hausaufgabenberatung und Referatesprechstunden.

Beratung und Unterstützung, zugeschnitten auf die individuellen persönlichen Bedürfnisse ich sehe hier eine zentrale Zukunftsaufgabe, in der Bibliotheken und Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten können.

Experten in der Leseförderung
Unsere Kinderbibliotheken bieten jährlich rund 1000 Veranstaltungen an, davon sind 71% Angebote für Institutionen Schulen und Kindergärten.

Storytelling und multimediale Bilderbuchshows, inzwischen zunehmend auch mehrsprachig, das interaktive Erzählspiel, das unsere Kinderbücherei entwickelt hat, in dem Kinder in die Geschichten eingebunden und zum Mitspielen animiert werden, Begegnungen mit Autoren oder unser gerade sehr erfolgreiches Vorleseprojekt Bibliotheken können Schulen in der Vermittlung der Freude am Lesen und an Geschichten aktiv unterstützen.

Zu den Angeboten zur Leseförderung gehören Projekte, die die Fahrbücherei mit ihren Bücherbussen regelmäßig in Schulen durchführt. In Zusammenarbeit mit der Konferenz der Schulleiter der Stadt fährt die Fahrbücherei Stuttgarter Schulen an und bietet den Schülern eine spielerische Einführung in die Angebote der Bibliothek. In Vorgesprächen mit den Lehrern werden die Lesefähigkeit der Schüler und spezielle Interessen sowie Themenwünsche geklärt, so dass das Angebot gezielt für die Gruppe zusammengestellt werden kann.

Die Lust am Lesen zu wecken, neugierig zu machen auf die Schätze einer Bücherei ist das Ziel der Aktionen und wir gewinnen viele Kinder auf diesem Weg. Um die Nachhaltigkeit zu sichern, können in der Fahrbücherei thematische Medienpakete gezielt bestellt werden, so dass auch in der Schule bzw. in den Klassen Medien für die Schüler präsent sind.

Ein vorbildliches Beispiel für Lesenetzwerke ist das Stuttgarter Vorleseprojekt . Eine in Stuttgart ansässige Stiftung, die Breuninger Stiftung, das Stuttgarter Literaturhaus und die Kinderbüchereien haben gemeinsam ein Pilotprojekt gestaltet, das vor allem das Erzählen in den Familien fördern soll. In Zusammenarbeit mit einer Stuttgarter Grundschule aus einem sozial eher benachteiligten Stadtteil und einer besonders multikulturell zusammengesetzten Kindergartengruppe wurden Leseparties für Eltern und Kinder veranstaltet, Vorträge der Kinderbibliothekarinnen bei Elternabenden zum Thema Vorlesen, Autorenlesungen in den Schulklassen angeboten und dank der Unterstützung einiger Verlage zur Leseanimation auch Bücher an die Familien verschenkt. Ehrenamtliche Vorlesepaten wurden gewonnen und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen im Vorlesen geschult. Sie lesen jetzt in den Büchereien und Stuttgarter Kindergärten oder Schulen vor. Eine wichtige Erfahrung in diesem Projekt war, dass persönliche Zuwendung und Wertschätzung die beste Motivation ist, um Eltern anzusprechen. Bei den Leseparties wurden alle Eltern persönlich begrüßt und bewirtet, so dass sie sich aufgehoben fühlten und Schwellenängste abgebaut wurden.

Die große Qualität dieses Projektes ist das Kooperationsnetz und es zeigt sich wieder einmal, wenn sich verschiedene Institutionen mit ihren Kompetenzen zusammenschließen, erreicht man für alle Synergieeffekte.

Zur Leseförderung gehört auch die Vermittlung der Schreibfähigkeit. In einzelnen Stadtteilbüchereien gibt es Projekte mit Schulen, Schreibwerkstätten durchzuführen,

aber dieses Thema ist in Stuttgart inzwischen im Stuttgarter Literaturhaus verankert. Auch das gehört zu Kooperationen, sich abzustimmen, wer welche Aufgaben übernimmt. Das Literaturhaus bietet älteren Schülern Workshops unter Anleitung renommierter Stuttgarter Autoren an. Die Ergebnisse werden in Veranstaltungen der Öffentlichkeit präsentiert. Die Stadtbücherei weist auf die Angebote hin, und präsentiert die Publikationen, die aus den Workshops entstehen. Dieses Angebot hätten wir mit den Grenzen unserer Personalressourcen nicht aufbauen können.

Experten in Medienkompetenz
Eine weitere Qualität der Bibliothek ist ihre Medienkompetenz. Nicht nur die Förderung des Lesens, sondern die Kompetenz, kritisch und bewusst mit unterschiedlichen Medien umgehen zu können, gehört zu unseren zentralen Qualifikationen. Wir kennen den Medienmarkt, von den Printmedien über DVDs., Lernsoftware bis zu Datenbanken. Und wir können diese Kompetenz weitergeben. Lese- und Literaturtips zu ausgewählten Themen gehören genauso zum Programm wie Workshops zur Einführung ins Internet, Internetführerscheine, die Gestaltung von Internetseiten als Internetreporter für die jüngeren oder in den "mediomania" Workshops der Mediothek für die Zielgruppe der Jugendlichen. So lernen junge Leute mit viel Freude den Umgang mit den Medien. Kinder treffen sich als Filmjury in einem Workshop zum Thema Film und wählen aus 50 Kinderfilmen das Programm für den Stuttgarter Kinderfilmwinter aus . Im Multimedialen Lernstudio in einer unserer Stadtteilbüchereien können Schulklassen in mehreren mit Computern ausgestatteten Arbeitsräumen und einem ausgewählten Angebot an Lernmedien vom Buch bis zur CD-Rom unterrichtsbegleitend Lernen und arbeiten.

In Zusammenarbeit mit Schulen werden Jung-Alt Projekte durchgeführt, Schüler führen Senioren in die PC-Nutzung oder das Internet ein. Diese Workshops finden in Schulen statt, die Bücherei dient als Multiplikator und schlägt die Brücke zu den Senioren.

Zu unseren Angeboten gehören auch Workshops für Multiplikatoren in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen der Medienpädagogik und wir sehen in diesem Aufgabenfeld eine weitere Zukunftsperspektive.

Experten in Informations- und Recherchekompetenz
Eine besondere Stärke der Bibliothek ist die Informations- und Recherchekompetenz, die sicher gerade in der Zusammenarbeit mit älteren Schülern noch stärker in die Kooperation mit Schulen einfließen könnte. Wo findet man die richtigen Themen, wie recherchiert man am effektivsten, welche Arbeitsinstrumente bietet die Bibliothek, um das Lernen zu lernen?

Hier liegt aus meiner Sicht ein noch auszubauender Kooperationsbedarf in der Zusammenarbeit mit Schulen.

Eine wichtige Schlüsselqualifikation für das selbstgesteuerte Lernen ist die Fähigkeit, Informationen schnell und gezielt zu finden. Natürlich bieten wir unseren Kunden Schulungen im Umgang mit unserem elektronischen Katalog an, um schnell die richtigen Medien aus dem Bestand der Stadtbücherei zu finden. Und natürlich nutzt heute jeder google, aber die Fülle der Informationen bewerten zu können oder auch geschickte Suchstrategien zu entwickeln, erfordert entsprechendes Wissen. Gerade dieses Wissen gehört zu den zentralen Qualifikationen der Bibliothekare. Wir bieten einen Rechercheservice an, wo unsere Fachkolleginnen für unsere Kunden gegen eine kleine Gebühr in Datenbanken recherchieren. Dieser Service ist hilfreich für Menschen mit wenig Zeit. Aber als didaktische Zielsetzung ist es sehr viel nützlicher, Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln, sprich, die Zugänge zu kostenpflichtigen Datenbanken zu ermöglichen und die Nutzer so zu schulen, dass sie selbständig recherchieren können. Dies gilt sicher ganz besonders für Schulmediothken.Wir diskutieren im Moment über solche Schulungsangebote, die diese grundlegenden Fähigkeiten vermitteln. Die Hochschule der Medien in Stuttgart, die Bibliothekare und Informationsfachleute ausbildet, arbeitet in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium an diesem Thema. Auch die Universitätsbibliothek Stuttgart bietet Schulen solche grundlegenden Einführungen in die Datenbanknutzung an.

Die Bibliothek pflegt Netzwerke
Alle Angebote, die ich beschrieben habe, führen uns auch immer wieder an unsere Grenzen. , Wir erfahren, wie wichtig die Vernetzung ist, die Zusammenarbeit mit didaktischen Experten, von denen wir lernen können. Wir arbeiten mit fast allen Kultur- und Bildungseinrichtungen der Stadt in temporären Projekten oder bei der Veranstaltungsarbeit zusammen. Besonders intensiv und nachhaltig pflegen wir die Kooperation mit der Volkshochschule. Im Rahmen des Projektes EFIL haben wir erstmals eine Lernberatung zum Sprachenlernen angeboten mit einem didaktischen Experten der Volkshochschule sowie unserer Expertin für die Medien im Bereich Sprachenlernen. Dieses Angebot wiederholen wir in unregelmäßigen Abständen. Die "Sprachencafes" werden mit Fremdsprachendozenten der Volkshochschule durchgeführt.

Die Stadtteilbüchereien agieren als "dezentrale Lernagenturen", bieten in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Schnupperkurse zu Themen wie "Bewerbung", "Zeitmanagement" oder Umgang mit dem Handy oder Lerntechniken. Wir nutzen die Kompetenz der Volkshochschule für die Weiterbildung unserer eigenen Mitarbeiter, beispielweise in einem Train the Trainer Seminar. Besonders anregend ist die jährliche gemeinsame Fortbildung der Mitarbeiter der Volkshochschule und der Stadtbücherei, bei der wir gemeinsam lernen zu Themen wie Wissensmanagement, Lerntechniken oder selbstgesteuertes Lernen.

Ein weiteres Beispiel ist das gemeinsame Programm mit der Volkshochschule bei den Lernfesten 2000, 2002und demnächst 2004. Wir nehmen das Lernfest zum Anlass, um Weiterbildungseinrichtungen in der Stadt zu vernetzen und in der Öffentlichkeit zu präsentieren, so dass die Verknüpfung zwischen Bildung und Kultur auch deutlich wird.

 

Lernort Bibliothek morgen Bibliothek 21
Was wird nun die Bibliothek 21 als Lernort über die schon gezeigten Wege hinaus leisten?

Um die Herausforderungen der Zukunft zu gestalten, muss die Bibliothek selbst sich als lernende Organisation verstehen, die offen ist für Wandel und Veränderung. Im Netzwerk des lebenslangen Lernen kommt der Bibliothek eine Schlüsselrolle zu, die sie aber nur dann erfüllen kann, wenn sie enge Kooperationen knüpft mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen. Die Bibliothek ist ein zentraler Knoten im Netzwerk des Wissens in einer Stadt. Sie ist ein Forum für die Brücke zwischen den Wissensquellen, der Information und dem Diskurs, ein Forum für Kooperationen und offenes Lernen. Lernen ist Vorfreude auf sich selbst, sagt der Philosoph Peter Sloterdyk. Gestalten wir die Zukunft mit Freude.


Copyright (c) 2004 by Ingrid Bussmann.
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