Öffentliche Bibliotheken und Informationstechnologie im "Pacific Northwest"


Ein Studienaufenthalt bei der Gates Library Foundation in Seattle und Umgebung

Im Herbst 1998 kehrte die Direktorin der Stadtbücherei Stuttgart, Hannelore Jouly, von einer Studienreise durch die USA zurück. Sie brachte mir die Einladung für ein Informationspraktikum beim "Gates Center of Technology Access" mit. Nach Regelung der Kostenübernahme durch die Stadt Stuttgart, Absprache des Programms, Klärung der Unterkunft startete ich Ende Juli 1999 nach Seattle zu einem 4-wöchigen Arbeitsaufenthalt.

Die Gates-Stiftungen
1995 startete Microsoft, unterstützt durch die "American Library Association" (ALA), die Initiative "Library Online!", um die Ausstattung amerikanischer Bibliotheken mit Hard- und Software und Internetzugängen für Bibliotheksbenutzer zu verbessern. In weniger als 2 Jahren bekamen über 200 Bibliotheken PCs, Software und Schulungen. Nachdem sich herausstellte, dass die finanziellen Mittel für eine weitere Förderung nicht ausreichten, wurde mit einer $200Mio-Spende von Bill und Melinda Gates die "Gates Library Foundation" gegründet. Dazu kam eine Software-Spende von Microsoft in Höhe von $200 Mio. Zur praktischen Umsetzung des Stiftungsauftrags wurde das "Technology Ressource Institute" später "Gates Center of Technology Access" gegründet.

1998 wurde der Stiftungsauftrag in erweitert.Es werden seitdem weitere öffentliche Einrichtungen wie Gemeinschafts-, Jugendzentren, Schulen und Einrichtungen für besonders benachteiligte gesellschaftliche Gruppen einbezogen. Bei den Stiftungen für Öffentliche Bibliotheken handelt es sich immer um Hard- und Software für Besucher, es ist allerdings möglich, einen PC für den Auskunftsdienst zu bekommen.
Ende 1999 wurden alle Gates Stiftungen - neben der "Learning Foundation" existiert noch eine grosse "Health Foundation"- zu einer Organisation zusammengeführt.

"Digital Divide"
Der Ausdruck "Digital Divide" beschreibt die Kluft zwischen den Menschen, die Computer- und Internet- Zugang und somit Zugang zu den menschlichen Informationsressourcen haben und denjenigen, die davon ausgeschlossen sind. Nach einer Studie, die 1999 von der "U.S. Department of Commerce / National Telecommunications and Information Administration (NTIA)" durchgeführt wurde, wird die Verfügbarkeit von Computern und Internet bestimmt durch Einkommen, Hautfarbe, Bildungsniveau, Familienstand, und Alter.

Aus dieser Studie geht auch hervor, dass diejenigen, die über keinen privaten Zugang verfügen besonders stark die Zugriffsmöglichkeiten in Bibliotheken, am Arbeitsplatz und in der Schule nutzen. Ziel der Gates-Stiftungen für Bibliotheken, Schulen und anderer gesellschaftlicher Einrichtung ist es, einen wichtigen Beitrag zur Überbrückung der "Digitalen Teilung" zu leisten.

In den USA gibt es 16.000 öffentliche Bibliotheken, mit teilweise ausgedehnten Öffnungszeiten abends und am Wochenende. Weil Informationsvermittlung zum Grundauftrag von Bibliotheken gehört und die Benutzung öffentlicher Bibliotheken in den USA selbstverständlich kostenlos ist, bieten sie die besten Voraussetzungen dafür, einen Beitrag zur Überwindung der "Digitalen Teilung" zu leisten.

Allerdings verfügen auch in den USA Öffentliche Bibliotheken in strukturschwachen Regionen nicht im erforderlichen Umfang über die materiellen Mittel, um ihre Ausstattung mit Computern und Internetzugängen zu verbessern.

Folglich setzt die Gatesstiftung bei der Vergabe von Mitteln bei den Bibliotheken an, wo die finanzielle Not am größten und die technische Ausstattung am schlechtesten ist und dort, wo es die geringste Zahl an Internet-Zugängen in den privaten Haushalten gibt.

Das Bibliotheks-Programm
Bis Ende des 2. Halbjahrs 2000 wurden 2670 öffentliche Bibliotheken in 11 Bundesstaaten mit Hard- und Softwarespenden versorgt. Ziel ist es, bis 2002 mehr als 10000 öffentliche Bibliotheken in den USA mit Spenden zu versorgen.
Das Stiftungs-Verfahren läuft folgendermaßen ab:

Es ist wohl einleuchtend, dass die erfolgreiche Umsetzung des Bibliotheksförderungsprogramms eine entsprechende organisatorische, technische und personelle Basis haben muss. Es war für mich sehr beeindruckend, dies praktisch zu erleben.

In Deutschland gibt es ja inzwischen auch punktuell Initiativen der Computer- und Telekommunikationsbranche, die in eine ähnliche Richtung zielen wie die Aktivität der Gates-Foundation (z.B. die Ankündigung der Deutschen Telekom oder von AOL zum kostenlosen Anschluss der Schulen an das Internet). Wenn man die Umsetzung dann weiterverfolgt, wird deutlich, dass es mit der Verteilung von Hard- und Software oder Netzwerkanschlüssen nicht getan ist.

Mit dem "Gates Center of Technology Access", bei dem ich mein Informationspraktikum absolvierte, wurde die organisatorische und personelle Basis für die praktische Umsetzung des Stiftungsauftrags geschaffen. Hier werden folgende Aufgaben erledigt:

Inzwischen arbeitet das Gates Center for Technology Access nicht mehr als eigenständige Stiftung, sondern ist integrierter Bestandteil der Gates-Stiftungen. Obgleich ein sehr junges Team, waren die dort geleistete Koordinationsarbeit und die praktische Umsetzung des Programms für mich sehr beeindruckend. Beschäftigt sind dort u.a. Diplom Bibliothekare, IT-Spezialisten und Lehrer/Lehrerinnen.

Einblick in die Projektarbeit
Während meines Aufenthalts hatte ich die Gelegenheit, eine Woche zusammen mit zwei Trainerinnen in New Mexico zu verbringen. Zunächst wurden zwei PCs in der Bibliothek von Jemez Springs, einer 400-Einwohner-Gemeinde im Norden New Mexicos, installiert. Die Bibliothek versorgt einen dünnbesiedelten Einzugsbereich mit 3000 Einwohnern, verfügt über einen Bestand mit 10000 Medien und hat 33 Sunden/Woche geöffnet.

Neben den beiden neuen Stiftungs-PCs waren bereits 3 PCs, davon 1 mit Internet-Anschluss, vorhanden. Zwei teilzeitbeschäftigte hauptamtliche Mitarbeiterinnen und ein ehrenamtliches 11-jähriges ‚Bücherkind‘ wurden in der Systemadministration und den verschiedenen Anwendungsprogrammen geschult. Außerdem gab es "Open Hours" für die Bibliotheksbenutzer, wo das neue Softwareangebot vorgestellt wurde. Das ganze wurde aktiv unterstützt vom Freundeskreis der Bibliothek, welcher gleichzeitig noch das Abschlussfest des "Summer Reading Program" für Kinder durchführte.

In Gallup, einer ca. 20000 Einwohner grossen Stadt im Norden von New Mexico, wurde eine Netzwerksystem mit einem Server, 4 PCs und einem Netzwerkdrucker installiert. Alle Mitarbeiter der Bibliothek bekamen 2 Tage Schulung. Für diese Schulungen hatten die Trainer ein Schulungssystem mit Notebooks inclusive Server dabei.

Bibliotheksprogramm für Seattle
Neben dem Bibliotheksprogramm der Gates Stiftungen gibt es auch eine spezielle Stiftung für die "Pacific Northwest" Region. Dieser Teil der Stiftung wird vor allem von William Gates, dem Vater von Bill Gates, getragen. Neben Initiativen im Bereich kommunaler Zentren für Kinder und Jugendliche wurde vor allem auch die Ausstattung und Weiterentwicklung der Öffentlichen Bibliothek von Seattle gefördert.

Seattle ist mit ca. 500.000 Einwohner etwa so groß wie Stuttgart. Seattle Public Library ist ein Bibliothekssystem mit einer Zentralbibliothek, 22 Stadtteilbüchereien, einer Fahrbücherei und einer Blindenspezialbibliothek. Alle Bibliotheken sind an 6 –7 Wochentagen geöffnet, 1998 gab es 4,8 Mio Entleihungen, der Etat beträgt $27,15 Mio, es gibt ca. 440 Vollzeitstellen.

1998 beschloss der Stadtrat ein Bibliotheksprogramm, das "Library for All"-Projekt und stellte dafür $235,4 Mio für die nächsten 10 Jahre zur Verfügung. Mit diesen Mitteln wird die Zentralbibliothek am zur Zeit genutzten zentralen Innenstadtstandort neu erbaut, nahezu alle Stadtteilbibliotheken werden renoviert und erweitert, 3 Stadtteilbibliotheken werden zusätzlich neu gebaut.

Allein für die Erneuerung und Erweiterung der Computertechnologie werden $5,6 Mio eingesetzt. In der neuen Zentralbibliothek soll es mindestens 1000 Computerarbeitsplätze geben.

Inzwischen kann das Architekturmodell für die Zentralbibliothek, entworfen von Rem Koolhas, einem renommierten niederländischen Architekten, im Internet besichtigt werden (http://www.spl.org/)

Zusätzlich zu dem beträchtlichen Finanzvolumen das die Kommune für das "Library for All"-Projekt bereitstellt, gibt es $20 Mio von der Gatesstiftung und weitere $20 Mio vom Freundeskreis der Bibliothek.

Bibliotheksimpressionen im "Pacific Northwest"
Neben Seattle Public Library besuchte ich noch Bibliotheken in Vancouver/Canada, Portland und auf Orcas Island.

Vancouver Public Library System ist vergleichbar mit dem von Seattle, mit einer 1995 neu erbauten Zentralbibliothek mit einer außergewöhnlichen Architektur. Die Bibliothek verfügt über ca. 32.000 qm Fläche auf 7 Stockwerken. Die Zentralbibliothek verzeichnet täglich 8000 Besucher und eine durchschnittliche Tagesausleihe von 6200 Medien. Allein in der Zentralbibliothek arbeiten 300 der über 600 Beschäftigten des Bibliothekssystems.

In Portland, der größten Stadt des Bundesstaats Oregon, besuchte ich die Zentralbibliothek, die in einem um die Jahrhundertwende erbauten Gebäude residiert, dass vor einigen Jahren originalgetreu und liebevoll restauriert wurde, dabei aber den Bedürfnissen der neuen Informationstechnologie angepasst wurde. Die Zentralbibliothek hat an 7 Wochentagen 70 Stunden geöffnet und verzeichnet eine Jahresausleihe von 3,15 Mio Medien.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Bibliothek auf Orcas Island, einer der Inseln der San Juan Islands, im äußersten Norden der Westküste der USA gelegen. Orcas Island hat 4000 Einwohner, davon sind 82% eingetragene Leser der Bibliothek. Diese hat einen Bestand von 32000 Medien und einer Jahresausleihe von 80000!

Die Bibliothek wurde 1994 für $1,2 Mio neu gebaut, finanziert aus einer Sondersteuer, die von den Grundeigentümern erhoben wurde und zahlreichen Spenden aus der Bevölkerung. Es gibt umfassende ‚Volunteer‘-Aktivitäten, allein der wunderschöne ‚Library-Park‘ wurde in Freiwilligen-Arbeit angelegt. Neben Orcas Island haben auch die beiden größeren Inseln San Juan Island und Lopez Island eine stattliche Öffentliche Bibliothek.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Situation der Bibliotheken, die ich besucht habe, repräsentativ für das Öffentliche Bibliothekswesen in den USA ist. Das, was ich gesehen habe, war allerdings sehr beeindruckend, unabhängig davon, ob es sich um Großstadtbibliotheksysteme oder um kleine Bibliotheken im ländlichen Raum handelte.

Die langen Traditionen des amerikanischen öffentlichen Bibliothekswesens als fester Bestandteil des demokratischen Systems, unterstützt von einem im Vergleich zu Deutschland sehr stark ausgeprägtem ehrenamtlichen Engagements und Stiftungswesen, wurden für mich sichtbar. Alle von mir besuchten Bibliotheken hatten, im Vergleich zu Deutschland, mehr Personal, wesentlich längere Öffnungszeiten, und die kostenlose Benutzung, auch der Internet-Plätze, ist selbstverständlich.

Für das Engagement der Gates Stiftungen gibt es Deutschland überhaupt keine Vergleichsebene. Der öffentlichen Diskussion darüber, dass auch bei uns die Möglichkeiten des breiten Zugangs zu den Informationsnetzen in Schulen, Bibliotheken und anderen öffentlichen Einrichtungen erweitert werden müssen, fehlt bisher jegliche nennenswerte, groß angelegte Initiative der öffentlichen Hand und der privaten Unternehmen.

Ich hatte im übrigen auch nicht den Eindruck, dass die Bibliotheken durch die Stiftungen in eine Abhängigkeit zu Microsoft gedrängt werden. Natürlich handelt es sich um Windows(NT)-PCs, und die mitgelieferte Software kommt überwiegend aus dem Hause Microsoft. Aber auch ohne Stiftungen wären diese Produkte als die marktgängisten gekauft worden, falls Geld vorhanden wäre. Und die Bibliotheken sind frei, andere Produkte auf den Systemen zu installieren.

Inzwischen hat die Gates-Stiftung ihre Aktivitäten auf den internationalen Raum erweitert. Es wurde ein jährlicher Preis für beispielhafte Aktivitäten Öffentlicher Bibliotheken auf dem Gebiet des öffentlichen Zugangs zur neuen Informationstechnologie ausgesetzt, der in diesem Jahr erstmals an die Stadtbibliothek von Helsinki in Höhe von $1 Mio. verliehen wurde.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses internationale Engagement dazu beiträgt, in europäischen Ländern und in Deutschland eine ähnlich angelegte Initiative der privaten Wirtschaft ins Leben zu rufen.
Weitere Informationen im Internet:


 
 

Angaben zur Person
Monika Ziller, Dipl. Bibliothekarin, geb. 1955, Fachhochschule für Bibliothekswesen Stuttgart 1974 – 1977; beschäftigt bei der Stadtbücherei Stuttgart seit 1978 in verschiedenen Funktionen, seit 5 Jahren Leiterin der EDV-Abteilung;
e-mail: monika.ziller@stuttgart.de

Dieser Aufsatz erschien in ähnlicher Form ebenfalls in: BuB 52 (2000), Heft 10/11, S. 636ff.


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