Hannelore Jouly

Von der Idee eines "futuristischen Lesesalons"
[1995]


Sie erwischen mich am Anfang eines neu zu konstruierenden Gedankengebäudes. Was ich offeriere, sind Gedankensplitter, Impulse, wenn's gut geht. Auf keinen Fall rolle ich eine fertige Konzeption aus, auch keine Leitlinien oder ähnliches. Wir bewegen uns im Vorfeld eines Experiments.

Ich beginne mit einer Liebeserklärung an das Buch und wähle als Zeugen Karl Dedecius, der sagt: "Ich liebe das Buch einzeln, einzeln erkennbar, das hat Liebe so an sich - nicht in der Masse ... Von der Ware zur Wegwerfware ist es bekanntlich nur ein kleiner Schritt. Ich habe Angst, unsere Buchläden und Büchereien könnten sich mit der Zeit in Papiermüllhalden verwandeln. Ich habe Angst, denn ich liebe das Buch". (Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1990)

Fortfahren will ich mit einer Erfahrung, die sich an der folgenden Episode gut festmachen läßt. Während des großen, regionalen Literaturfestivals "Wort für Wort" hatten wir im Wilhelmspalais auch eine Hörspielgalerie installiert. Liegestühle und Bodenscheinwerfer schufen die Atmosphäre eines Schiffsdecks, serviert wurden bunte Cocktails. Am Abend versammelte sich Publikum - gegen Eintritt -, um zu hören, was zeitgleich im Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Einfacher hätte man zu Hause hören können, bequem im Sessel oder nützlich beim Bügeln. Doch die hochgeschätzte Qualität eines gemeinsamen Erlebnisses, das Möglichkeit zu Diskurs und zu Dialog schafft, sollte uns immer deutlich bewußt sein.

Schließlich unterliegen auch wir der Faszination, die von multimedialen Zukunftsvisionen ausgeht: Wie könnte die Stadtbücherei in multimediale Projekte einsteigen? Die Wissenschaftler, die auf uns zukommen, sind voller Begeisterung. Man spürt ein Terrain mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten und ungeheuerer Dynamik. Außerdem gibt es Geld, die Auffahrten zur Datenautobahn scheinen finanziell nicht schlecht gepflastert. Öffentliche Bibliotheken sind in diesen Zusammenhängen auf Grund der Benutzerstruktur und auf Grund der organisierten Öffentlichkeit vielgefragte Institutionen. Es ist auch erkennbar, wie stark sich Wissenschaftler im Bereich Multimedia mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen: Wie verändert sich menschliches Leben, wenn alle wichtigen (und unwichtigen) Informationen zu Hause abrufbar sind, wenn viele Menschen zu Hause ihren Arbeitsplatz haben werden? Wie wird unser künftiges Leben aussehen, welche Bedürfnisse werden sich entwickeln? Ein unübersichtliches Feld gewiß, doch gerade deshalb sehr aufregend. Vielleicht wird auch in diesem Gelände über die künftige Existenz öffentlicher Bibliotheken entschieden werden.

Mit diesen drei Komponenten im Kopf, der Liebeserklärung an das Buch, den Erfahrungen der Bibliothek als literarischer, öffentlicher Ort und der Faszination Multimedia, schau ich auf die Realität öffentlicher Bibliotheken - ich schaue etwas bösartig, um zu pointieren.

Wir verramschen unsere Bücher in sogenannten Nahbereichen. Ich stehe voll hinter der Idee der dreigeteilten Bibliothek, doch wir haben sie kleinmütig banalisiert. Wir bürokratisieren unsere Bestände: Wir schreiben nach wie vor Annotationen als Satzungetüme, in denen die Langeweile gerade so vor sich hingähnt. Manche Bibliotheken erlauben sich noch die entsetzliche Tristesse verstaubter Stoffkreisführer. Wir versäumen, unsere persönliche Beratungskompetenz zu pflegen. Mit Nutzerorientierung gehen wir mitunter sehr gedankenlos um. Mißverstandene betriebswirtschaftliche Ansätze ersticken unseren kulturpolitischen Auftrag. Ich bin sehr für betriebswirtschaftliches Denken und Handeln. Aber nur noch Stephen King und Co., nur noch ein Bestseller, ein paar Softpornos und die Comics dazu, das kann nicht gut gehen.

Im Stuttgarter Gemeinderat wurde interessanterweise ernsthaft diskutiert, ob man nicht - da sich bei der Bücherei so schwer sparen läßt - wenigstens das Geld für Unterhaltungsmedien reduzieren könne.

Bei Nutzungsanalysen lag sowohl in der Stadtbibliothek Reutlingen als auch in der Stadtbücherei Stuttgart Agatha Christie mit der "Mausefalle" immer an erster Stelle. Ich bin ziemlich sicher, daß die Leute gar nicht unbedingt Agatha Christie und die "Mausefalle" lesen wollen, sondern sie kennen Agatha Christie und sie wollen einen Krimi. Sie würden mit Sicherheit auch sehr gerne einen anderen Krimi lesen. Da sind Bibliothekare gefragt und herausgefordert: Animation und Vermittlung heißt die Aufgabe. - All unsere Besucherbefragungen ergeben immer wieder ein eindeutiges Signal: Die Besucher wollen mehr Lesetips haben, sie finden sich nicht zurecht in den bürokratisch gestalteten Bibliotheken. Was nun: neue Begründung für Lesekultur im multimedialen Zeitalter? Oder vielleicht eine neue Kommission zur Erschließung der Schönen Literatur? Das mag sein, aber was ich Ihnen jetzt vorstellen möchte, ist ein "futuristischer Lesesalon".

Was ist das - ein "futuristischer Lesesalon?" Ich muß zugeben, so ganz genau wissen wir das im Augenblick auch noch nicht. Der Begriff "Lesesalon" erinnert an kulturelle, geistige Zentren, an Disputierzirkel, an Keimzellen politischer, wissenschaftlicher, literarischer Entwicklung. Und "futuristisch" steht für Lust an technischer Entwicklung, für das Schritthalten mit dem Tempo modernen Lebens, für die Ästhetik der Geschwindigkeit. Die Begriffszusammensetzung signalisiert die Gleichzeitigkeit beider Ideen und den komplexen Zusammenhang.

Die Elemente des futuristischen Lesesalons? Zum einen stellen wir uns vor, das Buch als Individuum kostbar zu machen. Die sinnliche Erfahrung des Buches ist in Beziehung zu setzen zu der ganz anderen sinnlichen Erfahrung eines Bildschirmes: Was macht ein Buch aus? Satzspiegel, Einband, Illustration, taktiler Reiz, Duft. Vielleicht brauchen wir in unserem Lesesalon viel weniger Bücher als bisher, aber die einzelnen Bücher müssen viel, viel wichtiger gemacht werden.

Ich möchte Angebotsorientierung neben Nutzungsorientierung setzen. Wir können uns nicht nur danach ausrichten, was jeden Tag bei uns gefragt wird, es geht darum, daß wir Trends setzen, Interesse beflügeln, Neugierde provozieren.
Möglicherweise können wir eines Tages unsere trendsetzenden Leseempfehlungen auch in Datenautobahnen einspeisen. Interaktiv wäre dann auch Dialog über Literatur möglich. Wir wissen auch aus Erfahrung und allerlei Untersuchungen, daß diejenigen Menschen, die die Möglichkeit haben, über Literatur zu kommunizieren, am meisten lesen. Vermutlich ließe sich ein PC, mit dem sich Bibliothekare und Bibliotheksbesucher ihre heißen Lesetips verraten, relativ leicht realisieren.
In unserem Lesesalon stelle ich mir auch elektronische Bücher vor als Kunstobjekt, als Spielobjekt. - Den dichtenden Computer hatten wir vor kurzem schon zu Gast ebenso wie die wörtererfindende, computergestützte Schultafel.

Der Lesesalon bietet natürlich auch das Glück der persönlichen Begegnung, je nach Situation spontan oder organisiert, je nach Laune anonym oder weniger anonym. Wir kreieren Anlässe zum Diskutieren und zum Gespräch. Angefangen von der nach wie vor wichtigen persönlichen Beratung bis zur literarischen Veranstaltung. Der Schatz unserer Erfahrungen, den wir hier öffnen, ist reich.
Die Inszenierung des Raumes knüpft - so stellen wir uns das vor - avantgardistisch sowohl an modernstes Design als auch an der Idee Salon an. Freude am Wandel und Betonung der Individualität sind Basis der Gestaltung.
All dies können nur Andeutungen sein. Bei aller Unsicherheit wollen wir es wagen und uns in diesen noch nicht genau fixierten Raum begeben. Aus der Konfrontation mit der dynamischen Energie von Multimedia könnte sich Qualität und Schönheit der Bibliothek neu entwickeln, in ganz besonderer Weise bei der Belletristik, wo nicht allein Information, sondern künstlerische, kreative, persönliche Erfahrungen angesprochen sind.


Veröffentlicht in: ekz Konzepte Band 4: Medienpolitik. Neue Medien und Kinder. Organisation. 1996, S. 33 - 35