Bibliotheken: Stützpunkte und Ateliers für selbstgesteuertes Lernen
     

    „Bibliotheken/Mediotheken als Stützpunkt für das selbstgesteuerte Lernen“ ist mein Thema. Dazu lade ich Sie zu einem vielleicht etwas unerwarteten, sehr praxisorientierten Rundgang durch die Stuttgarter Zentralbücherei ein.

    Ich möchte Ihnen nicht die Bücherregale zeigen, nicht die Kataloge, nicht die Leseplätze, das kennen Sie. Ich zeige Ihnen unsystematisch-buntgemischt (- wie das Leben unsystematisch ist -) Situationen aus unserem Bibliotheksalltag.
    Ich zeige Ihnen Inszenierung und Animation; Anfänge, Varianten, Annäherungen zum Thema lebenslanges, selbstgesteuertes, innovatives Lernen.

    Unsere Kinderbibliothek entwickelt sich zu einem Kindermedienzentrum. Dazu gehören PC-Plätze mit Lernprogrammen, meist umlagert, Kontakte stiftend, den Büchern immer nah. Denn es geht uns in allen Bereichen unserer Arbeit um die Verknüpfung der Printmedien mit neuen Medien, es geht darum, die Vorteile und Nachteile der verschiedenen Medien zu begreifen. Es sollen persönliche Erfahrungen gemacht und offene, neugierige Haltungen entwickelt werden, damit unterschiedliche Medien bei unterschiedlichen Fragen, unterschiedlichen individuellen Bedürfnissen, sinnvoll genutzt werden können. So ernst sich das anhört, so spiele risch können Erfahrungen angestiftet werden. Wie etwa bei einem Hexenfest in der Kinderbücherei, bei dem die Kinder selbstproduzierte Videofilme zeigten, ein Theat erstück mit eigenen Texten und Tonbeispielen aufführten. Lernen in der Kinderbücherei, auch für Erwachsene? Durchaus, zum Beispiel wenn man etwas über die Entwicklung des Kindermedienmarktes wissen will oder - geschützt und verborgen - die ersten Fingerübungen auf dem Computer macht.
    In der Stadtbücherei darf auch offen gezeigt werden, was man endlich wissen möchte von virtuellen Welten im Internet. Da bietet die Bücherei nicht nur gedruckte Informationen an, sondern ganz praktische Einführungs- und Übungsstunden. Es geht dabei nicht ausschließlich um das 1x1 der Nutzung, sondern auch um kritische Reflexion und Diskussion über Chancen und Risiken.

    Selbstverständlich: Bücher stehen nach wie vor im Zentrum der Bibliothek. Wir erproben ungewöhnliche Präsentationen und wollen eine angenehme Atmosphäre für Lesen schaffen.
    Wir verabschieden uns bei der Aufstellung der Medien von der herkömmlichen Wissenschaftssystematik, um Interessenschwerpunkte unserer Besucher gerecht zu werden. Zum Beispiel werden alle Materialien, die „Beruf, Karriere, Wirtschaft“ betreffen, zusammen aufgestellt, damit die Besucher schnellen und unkomplizierten Zugang zu diesem wichtigen Komplex haben. Das gleiche gilt der „Lebensorientierung“ (Psychologie, Theologie, Pädagogik, Philosophie, Medizin).
    Die Bibliothek, so meine Philosophie, ist ein Ort, der laufend neu zu inszenieren ist, damit unsere Besucher dem Unerwarteten begegnen, neben dem Gesuchten auch das finden, was sie nie gesucht haben, aber möglicherweise zur Lösung einer komplexen Frage benötigen, oder was schlicht zu Spiel, Phantasie, Entspannung einlädt.

    Bei einer großen Theaterinszenierung „Die unendliche Bibliothek“ wirkten 150 Laien und Profis mit. Ein junger Regisseur fand sie per Aushang, Presse und Mund-zu-Mund-Propaganda. Das Theaterspiel wurde von dieser freien Gruppe konkretisiert, geprobt und dann mit hunderten von Gästen in der ganzen Bibliothek im freien Spiel aufgeführt. Das bedeutet intensives Lernen über Jorge Louis Borges, über Bibliotheken, über Theater und über soziales Zusammenspiel.
    Lernen, ganz anders: In der Ausstellung zum Europäischen Jahr des lebenslangen Lernens präsentieren wir Sprachlernprogramme und Materialien zur Technik des Lernens - ein heißbegehrtes Thema. Unumgängliche Sanierungsarbeiten in der Bibliothek nutzen wir, um zwei Flügel unseres Bibliothekspalais umzugestalten. „Lebenslanges Lernen“ ist die Überschrift, die die neue Konzeption prägt.

    Vision

    Wir stehen am Beginn des Prozesses, die Bibliothek gezielt und systematisch auch zu einem Atelier (der Begriff liegt mir näher als Stützpunkt) des lebenslangen, selbstbestimmten und innovativen Lernens umzubauen. In meiner Bilderschau habe ich Ihnen vorhandene Ansätze gezeigt, die aber noch stärker, deutlicher auszurichten sind, zu unterstreichen, zu bereichern. In diesem „Umbauprozess“ begreifen wir uns als lernende Bibliothek - auch dies ein Teil lebenslanges Lernen - , bei dem wir Wege erfinden und erproben, Barrieren übersteigen müssen. Wir wissen, daß es zur Innovation gehört, Ziele anzusteuern ohne sie in aller Präzision zu kennen. Auch das muß gelernt werden: umgehen mit Unsicherheit, Umgehen mit der Chance, Fehler zu machen.

    Situation

    Zurück zur augenblicklichen Situation: Wie werden öffentliche Bibliotheken heute genutzt? Bis zu 40 % der Bevölkerung geben an, daß sie öffentliche Bibliotheken mehr oder weniger regelmäßig besuchen. In den großen Bibliotheken sind es ebenso viel Männer wie Frauen, in den kleinen Bibliotheken überwiegen die Besucherinnen. Kinder und junge Erwachsene stellen die größte Nutzerschicht dar. Die über 50jährigen besuchen öffentliche Bibliotheken sehr viel seltener als andere Altersgruppen. Die Mehrzahl der Bibliotheksbesucher hat einen höheren Bildungsabschluß.
    Bei der Nachfrage lassen sich recht eindeutige Trends ablesen: Ein Schwerpunkt liegt beim Lernen für Schule, Ausbildung und Beruf. Das Lernen fremder Sprachen - auch berufsorientiert - steht seit langem an der Spitze der Nachfrage. Verstärkt hat sich das Interesse an betriebswirtschaftlichen Themen wie Mitarbeiterführung, Marketing, neue Managementformen, dazu kommen Umgang mit und Nutzung von moderner Informationstechnologie.
    Ein zweiter Schwerpunkt sind alle Gebiete, die wir hilfweise „Lebensorientierung“ nennen und die sich mit existentiellen Fragen auseinandersetzen: Religion, Philosophie, Psychologie, Medizin, Pädagogik.

    Bemerkenswert ist auch das anhaltende Interesse an heimatkundlichen Themen. Es gibt offensichtlich auch, oder gerade in den globalen Zusammenhängen ein Bedürfnis nach Identität mit dem Ort, an dem man lebt.

    Bücher und Medien, die sinnvolle Lebensgestaltung unterstützen, also Bücher über Sport, Fitneß, Hobby, Reisen, Gesundheit, Haushalten usw. lassen sich zu einem weiteren Nachfrageschwerpunkt zusammenfassen.
     

    Fünf Thesen

    Fünf Thesen möchte ich aus unseren Erfahrungen ableiten .

    These 1
    Das Publikum öffentlicher Bibliotheken ist ausgesprochen lernorientiert, ist hochmotiviert zu lernen
    Daran schließt die Frage an:
    Was tun öffentliche Bibliotheken, was tut die Stadtbücherei Stuttgart speziell für die lernbegierigen Kundinnen und Kunden?

    These 2
    Die Bibliothek bietet als Stützpunkt zum Lernen für Kinder wie für Erwachsene: Printmedien und moderne Medien und präsentiert diese Medien in Nachfragezusammenhängen, in Lernzusammenhängen. Im Sinne von Ressourcesharing verweist die Bibliothek an andere weiterführende Bibliotheken oder Informationsstellen.

    These 3
    Eine Bibliothek ist auch deshalb ein prädestinierter Ort zum Lernen, weil die Lernenden von Wissensangeboten umgeben sind, die sie ursprünglich gar nicht gesucht haben, die sie aber im Kontext ihrer Überlegungen gut brauchen können.

    These 4
    Fühlt sich eine Bibliothek der Vermittlung von Literatur und Kunst verpflichtet, unterstützt sie damit auch Lernen, das Lernen und Denken in komplexen Zusammenhängen, das Lernen, ungewohnte Strukturen zu erkennen und komplexe Probleme zu lösen. Ausstellungen, literarisch-künstlerische Programme sind virulente Stimulanz.

    These 5
    Die Bibliothek öffnet sich der modernen Informationstechnologie. Sie ist damit auch ein Lernort für den Umgang mit der neuen Technologie.

    Mit diesen fünf Thesen beschreibe ich einen Ist-Zustand - , der durchaus die Bibliothek als Ort des lebenslangen Lernens signalisiert.
     

    Fünf Wünsche

    Um den Stützpunkt weiter zu festigen, um das Atelier des Lernens zu gestalten, habe ich mir fünf Wünsche erdacht.
    Wir konstatieren in den vergangenen Monaten überall dort, wo wir unsre Dienste optimiert, unsere Angebotspalette erweitert und modernisiert haben, daß die Fragen unserer Besucherinnen und Besucher eine neue Qualität erhalten. Sie kehren sich ab von „wo und wie finde ich...“ zu weitaus grundsätzlicheren und spezielleren Fragen. Die Bibliothek und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stoßen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

    Wunsch 1
    Die Bibliothek verfügt über ein Netzwerk von Beratern und Experten, die bereit und in der Lage sind, Kenntnisse, Informationen, Wissen weiterzugeben.

    Wunsch 2
    Bibliotheken und andere Bildungseinrichtungen (VHS und andere) erfinden neue und unkomplizierte Übergänge zwischen den Institutionen.

    Wunsch 3
     

    Bibliotheken, Bildungseinrichtungen und Verlage entwickeln gutes Material zum Selbstlernen, in welcher medialen Form auch immer. Wichtig sind Materialien, die nicht ausschließlich Wissen eintrichtern sondern Strukturen üben, Problemlösungen zu finden.

    Wunsch 4
    Bibliotheken unterstützen sich selbstorganisierende Lerngruppen, die in der Bibliothek arbeiten wollen durch Expertenvermittlung, Material, Ausstattung, Räume und ähnliches. Sie wirken damit auch der Isolierung des Einzelnen entgegen.

    Wunsch 5
    Bibliotheken werben in der Öffentlichkeit für die Idee des lebenslangen Lernens und erklären ihre Funktion in dem Geflecht einer lernenden Stadt.
    Und zudem wünsche ich mir noch, daß eine Bibliothek, die sich auf den Weg macht, ein Atelier des Lernens zu werden, wissenschaftlich begleitet wird, evaluiert wird.
    Ohne zusätzliche finanziellen und personellen Ressourcen werden sich öffentliche Bibliotheken in dieser Zeit kaum schnell auf den Weg machen können, ausgewiesene Orte des lebenslangen Lernens zu werden. Die Finanzkrise der Kommunen hat alle nur möglichen Polster weggeschmolzen.
    Ich hoffe sehr, daß wir Wege finden, die vorhandenen Qualitäten der Bibliotheken zu nutzen, aus ihnen Stützpunkte und Ateliers des lebenslangen Lernens zu machen, einen neuen, nicht verschulten Bildungsstil zu kreieren. Nachdenklich, sinnlich, witzig, provozierend, freudig, meditativ möchten wir schöpferisches Tun und eigenständiges Denken und Handeln vernetzt in einer lernenden Stadt, in einer lernenden Gesellschaft fördern.
    In diesem Prozeß werden wir alle als Lernende eingebunden sein.
    Vielleicht auch eine Voraussetzung, ein vertrauenswürdiger Lernort zu werden.

    Hannelore Jouly
    3. Dezember 1996
     
     
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