| Herbert Schnädelbach Die
Zukunft der Aufklärung
Der Titel meines Vortrags ist
nicht originell; im Jahre 1987 fand in Frankfurt am Main ein vielbeachteter
Kongreß zum Thema „Zukunft der Aufklärung“ statt, der von Peter
Glotz ange-regt worden war, und an dem sich zahlreiche Wissenschaftler
verschiedener Disziplinen be-teiligten . Was sie zusammenführte,
war die Sorge um die „Tradition der Aufklärung“, d.h. um die „Orientierung
an universalen Wertsystemen der Menschenrechte, der sozialen Gerech-tigkeit
und der Freiheit“, die sie durch die drohende Dominanz „anderer Gesichtspunkte
wie nationale Identität, Freund-Feind-Polarisierung und eine modernitätsfeindliche
Lebensstim-mung“ geschwächt sahen. Im Rückblick waren solche
Bedenken nicht unbegründet, denn in der Tat erreichte in den 80er
Jahren die neokonservative Gegenströmung gegen eine ver-meintliche
linke Kulturrevolution seit 1968 ihren Höhepunkt; man konnte mit
Recht „von ei-nem erneuerten Kulturkampf“ sprechen, „in dem das geistige
Profil der Bundesrepublik eine entscheidende Verschiebung der Züge
erfahren soll, die es in den letzten 20 Jahren durch die bewußte
Wiederaneignung von Aufklärungstraditionen angenommen hatte.“ Aber
nicht nur deswegen waren Sorgen um die Zukunft der Aufklärung berechtigt;
der neuartige Kultur-konservatismus, der vor allem in Frankreich zu einer
breiten revisionistischen Literatur über 1789 geführt hatte,
sah sich unversehens durch den modischen Postmodernismus bestärkt,
für den der Abschied von der europäischen Moderne als das Modernste
galt, was auf dem Markt war . Die dritte ernste Herausforderung der Aufklärungstradition
bestand damals in der radikalen Vernunftkritik , die in einer merkwürdigen
Verknüpfung des französischen Post-strukturalismus mit Motiven
der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno, die in Wahrheit
im Zeichen Nietzsches und Heideggers stattfand, nun ausgerechnet die Vernunft
für alle Übel in der Welt verantwortlich machte; Rationalität,
das Organon der Aufklärung, galt plötzlich selbst als die Krankheit,
als deren Therapie sie sich einmal verstanden hatte.
Die genannten Sorgen um die Aufklärung scheinen wir uns heute nicht
mehr machen zu müssen. Der real existierende Marxismus hatte nicht
nur das Ziel des Sozialismus völlig dis-kreditiert, sondern auch
den Glanz der Ideen von 1789 verdunkelt, die dort besonders laut auf den
Fahnen standen; sein Zusammenbruch machte gleichwohl deutlich, wie tief
die Prin-zipien der Menschenrechte, des Rechtsstaats und der Demokratie
zumindest normativ in den europäischen Bevölkerungen verankert
sind, und dies nicht zuletzt durch die lautlose Selbstverständlichkeit,
mit der sich die postsozialistischen Nationen dazu bekannten. Es wurde
klar, was Iring Fetscher schon 1989 festgestellt hatte: Auch der damalige
und ziemlich erbitterte Streit um die Kultur zwischen Konservativen und
„Linken“ fand „innerhalb einer von allen akzeptierten Aufgeklärtheit
statt“, und „offen gegenaufklärerische Tendenzen“ gab es, von marginalen
Ausnahmen abgesehen, „nicht, oder nicht mehr“. In heutiger Sicht stellen
sich jene Debatten um Schlachten an einer semantischen Bürgerkriegsfront
dar, in denen es darum ging, Begriffe und damit Meinungen zu besetzen
– also um einen Kampf um die Köpfe des lesenden und denkenden Publikums.-
Was die Postmoderne betrifft, so haben wir gelernt, daß der eindimensionale
Modernismus und Avantgardismus selber prämodern ist, d.h. daß
wir nicht anders können, als die unhintergehbar plurale Postmoderne
als unsere eigentliche Moderne zu akzeptieren .- Und was wurde aus der
radikalen Vernunftkritik ? Die Wendezeit hatte die Hoffnung genährt,
daß mit dem Ende des Kalten Krieges nun endlich Frieden in der Welt
einkehre; um so größer war der Schock des ersten Golfkriegs
und der jugoslawischen Bürgerkriege, der die radikalen Vernunftkritiker
verstummen ließ, denn wie wollten sie ihren zeitunglesenden Zeitgenossen
erklären, daß der irakische Überfall auf Ku-weit und die
Greuel von Srebrenica darauf zurückzuführen seien, daß
zuviel Rationalität in der Welt sei ? Auch die terroristischen Exzesse
des Fundamentalismus nicht erst seit dem 11. September 2001 trugen dazu
bei, den modischen Vernunftdefaitismus jener Jahre als eine geradezu absurde
Position zu entlarven.
Müssen wir uns also tatsächlich heute um die Zukunft der Aufklärung
keine Sorgen mehr machen ? Vielleicht ist es gerade besorgniserregend,
daß sich niemand mehr so recht um sie sorgt, denn wenn Aufklärung
ein Gut ist, dann kein natürliches, dessen Fort-existenz sich von
selbst verstünde. Ich meine, daß die Faktoren, die die Aufklärung
heute bedrohen, bei uns im Westen nicht mehr beim Kulturkonservatismus,
dem Postmodernismus, der radikalen Vernunftkritik und auch nicht primär
beim Fundamentalismus, sondern andernorts aufzusu-chen sind – vor allem
in den Mechanismen der modernen Informationsgesellschaft; die las-sen
sich längst nicht mehr nach dem Schema ‚links-rechts‘ oder ‚progressiv-konservativ‘
sor-tieren, sondern sie liegen gewissermaßen quer zu den ehemaligen
Bürgerkriegsfronten. Um das plausibel zu machen, muß ich zeigen,
was ‚Aufklärung‘ in ihrem Kern bedeutet, und zu diesem Zweck werde
ich nach ein paar Betrachtungen zum Wortfeld vier verschiedene Auf-klärungsbegriffe
skizzieren: einen chronologischen, zwei historische und einen strukturellen
Aufklärungsbegriff, und nur der letzte wird auf das hindeuten, um
dessen Zukunft wir uns sorgen sollten.
Zum Wortfeld von ‚Aufklärung‘
In seinem Artikel Über die Frage:
was heißt aufklären ? von 1784 schreibt Moses Men-delssohn:
„Die Worte Aufklärung, Kultur, Bildung sind in unsrer Sprache noch
neue An-kömmlinge. Sie gehören vor der Hand bloß zur Büchersprache.
Der gemeine Haufe verste-het sie kaum.“ Für ‚Bildung‘ und ‚Kultur‘
gilt dies heute nicht mehr, aber was fällt dem be-rühmten „Mann
auf der Straße“ schon bei ‚Aufklärung‘ ein ? Bestimmt etwas
Sexualpädago-gisches, und die Älteren unter uns denken außerdem
an Militärisches oder an polizeiliche Fahndung mit dem Ziel, ein
schweres Verbrechen endlich aufzuklären. Was darüber hinaus-geht,
gehört immer noch der „Büchersprache“ an und bedarf selber der
Aufklärung durch das Nachschlagen in unseren Handbüchern. Dort
wird man stets Kants berühmte Definition zitiert finden, und wer
jemals an irgendeiner philosophischen Lehrveranstaltung teilgenommen hat,
wird sie sinngemäß hersagen können. (In einem nicht ganz
ernstgemeinten Theaterstück, das meine Doktoranden mir zu meinem
60. Geburtstag widmeten, erscheint die Aufklärung als Lichtgestalt
und wird gefragt: „Wo kommst du denn so plötzlich her ?“; sie antwortet:
„Aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ich habe gerade Ausgang...“
.) Bei aller Verehrung für Kant – es ist sehr fraglich, ob seine
berühmte Auskunft, die er Ende des 18. Jahrhunderts gab, und deren
Erläuterungen man nicht verstehen kann, ohne auf die komplizierte
kulturpo-litische Situation im nachfriderizianischen Preussen einzugehen,
noch leitend sein kann, wenn wir fragen, was ‚Aufklärung‘ am Beginn
des 21. Jahrhunderts heißen und bedeuten könnte; doch davon
später.
Halten wir uns zunächst an das Wort. Es gehört in die große
Familie der Metaphern des Gesichtssinns, deren sich unsere philosophische
Tradition seit den Griechen gern bediente, wenn es darum ging, die Besonderheit
des Menschen genauer zu bestimmen – also seine Vernunftbegabung, die das
Lebewesen ‚Mensch‘ zum animal rationale macht. Das griechi-sche Wort für
Denken und Erkennen noeîn bedeutet ursprünglich ‚etwas bemerken,
gewah-ren‘ im optischen Sinn, und so ist es nicht erstaunlich, daß
viele griechischen Termini für Erkenntnis und ihre lateinischen Übersetzungen
etwas mit dem Gesehen-Haben zu tun ha-ben. Auch wir tragen diese Tradition
weiter, wenn wir von Einsicht, Evidenz, Intuition, Intel-lekt, aber auch
von Ideen oder Theorien sprechen, ohne meist zu wissen, daß wir
uns im Begriffsfeld des Sehens aufhalten. Sehen aber erfordert Licht,
von dem schon in Platons Sonnengleichnis die Rede ist und das der christliche
Platonismus als den Ort Gottes begreift, den man im Goldhintergrund der
Ikonen zumindest ahnen darf. Die Philosophie spricht vom „Licht der Vernunft“,
von der Vernunft als dem „natürlichen Licht“ (lumen naturale); mag
es ein Widerschein des göttlichen Lichts sein, wie die Theologen
behaupten, oder selber ein Naturtatsache, was die Philosophen bevorzugen
– wichtig ist, daß in seinem Schein die Din-ge klar werden, weil
es hell um sie wird. Genau dies meint das Wort ‚Aufklärung‘: das
Klar-werden durch Hellwerden im Licht der Vernunft. (Das deutsche Wort,
das wohl eine Überset-zung von franz. éclairer bei Leibniz
ist , transportiert das Aktivische dieses Klarwerdens, die Anstrengung
der Klärung besser als die englischen und französischen Entsprechungen
to enlighten und illuminer, die wörtlich Erleuchtung meinen, und
die kann einem ja in Wahrheit nur widerfahren.) Licht und Finsternis –
es gibt wohl kaum ein wirkmächtigeres Metaphern-gespann. Gott wohnt
im Licht und der Teufel in ewiger Finsternis; deswegen ist das Helle das
Gute und das Dunkle das Böse. In der Zauberflöte heißt
es am Schluß: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, zernichten
der Heuchler erschlichene Macht.“ Als sich die kultu-relle Bewegung im
Bürgertum des 17. und 18. Jahrhunderts, die wir heute ‚Aufklärung‘
nen-nen, selbst so benannte und sich dadurch nach der Renaissance erneut
vom „dunklen“ Mit-telalter abgrenzte, war damit nicht nur eine Überlegenheit
im Wissen gemeint. Wer wollte in Frage stellen, daß Helligkeit besser
ist als Dunkelheit ? Das könnten doch nur Dunkelmänner oder
Obskurantisten sein. So sahen die Aufklärer auch moralisch das Recht
auf ihrer Seite, und an dieser Stelle wurde die Aufklärung politisch.
‚Durch Nacht zum Licht‘ - das darf freilich nicht zu plötzlich geschehen,
denn dann blendet es, und die Verblendung – die auch zur Lichtmetaphorik
gehört – wird möglicherweise noch größer. (Vielleicht
besteht die „Nacht“ gerade darin, daß sich die Menschen von den
falschen Lichtern blenden lassen.) Revolutio-näre Ungeduld ist nicht
die Sache der Aufklärung, sondern viel eher geduldige, menschen-nahe
Bildung und Erziehung; die großen Aufklärer waren immer viel
zu vorsichtig, um über-stürzten und gewaltsamen Umwälzungen
das Wort zu reden, denn die könnten alles verder-ben. Und deswegen
rechneten sie auch nicht mit einem kurz bevorstehen erfolgreichen Ab-schluß
ihres Projekts; in diesem Sinn sagt Kant: „Wenn denn nun gefragt wird:
Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter ? so ist die Antwort:
Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“
‚Aufklärung‘ chronologisch
Gleichwohl ist es bemerkenswert, daß
sich schon um 1800 das Wort ‚Aufklärung‘ als Be-zeichnung einer Epoche
durchzusetzen beginnt, auf die man glaubt, historisch zurückblicken
zu können; in der breiten Debatte der 80er und 90er Jahre des 18.
Jahrhunderts in Deutschland, war davon noch nicht die Rede gewesen. Historisierung
bedeutet Distanzie-rung, und so besteht in der Tat ein Zusammenhang zwischen
der Entstehung des uns geläu-figen Epochenbegriffs ‚Aufklärung‘
– den ich als den chronologischen bezeichnen möchte - und einer ersten
Welle von Aufklärungskritik, die schon im Sturm und Drang bei Hamann
beginnt und vor allem auf der deutschen Rousseau-Rezeption beruht; Rousseau
wurde so zum Großvater der deutschen Romantik. Was das Licht und
den Tag betrifft, so waren die Romantiker ganz anderer Meinung. Novalis
als Dichter der „Hymnen an die Nacht“ sagt über die Aufklärer:
„Das Licht war wegen seines mathematischen Gehorsams und seiner Frech-heit
ihr Liebling geworden. Sie freuten sich, daß es sich eher zerbrechen
ließ, als daß es mit Farben gespielt hätte, und so benannten
sie nach ihm ihr großes Geschäft; Aufklärung.“ Richard
Wagner läßt Tristan und Isolde minutenlang gemeinsam das Licht
und den Tag be-schimpfen – „Das Licht ! Das Licht ! O dieses Licht, wie
lang verlosch es nicht ! ... Dem Tage! dem Tage! dem tückischen Tage,
dem härtesten Feinde Haß und Klage !“ – bis sie endlich Ihr
Duett anstimmen: „O sink hernieder, Nacht der Liebe...“ Die romantisch-ästhetische
Faszination durch das Dunkle, das gegenüber dem Licht als das Tiefere
und Wahrere er-scheint, ist eine spezifisch deutsche Erscheinung; ihr
philosophischer Wortführer war Arthur Schopenhauer, dessen Zögling
Friedrich Nietzsche dichtete: „...die Welt ist tief und tiefer als der
Tag gedacht.“
Auch Hegel, der sonst mit der Romantik nichts im Sinne hat, historisiert
die Aufklärung; schon in seinen Frühschriften von 1801 bis 1803,
aber auch in seinen späteren Vorlesungen zur Philosophiegeschichte
präsentiert er sie als ein begrenztes und im wesentlichen abge-schlossenes
Projekt, das sich primär und fast ausschließlich auf Religionskritik
beschränkt. Schon Kant hatte den „Hauptpunkt“ seiner Aufklärungsdefinition
„vorzüglich in Religionssa-chen gesetzt“ , was der deutschen Szene
sehr genau entsprach; die deutsche Aufklärung war ziemlich unpolitisch.
So ist auch in der Phänomenologie des Geistes Aufklärung nichts
anderes als das Wegräumen aller Transzendenz durch den abstrakten
Verstand, der als „Furie des Verschwindens“ notwendig in den Terror mündet
, aber in der „begriffenen Ge-schichte“ , die Hegels erstes Hauptwerk
rekonstruiert, bleibt die so verstandene Aufklärung eine chronologisch
eindeutig zu identifizierende Episode. Mit seiner Diagnose verlieh Hegel
der Restaurationspropaganda, derzufolge die Aufklärung die Revolution
und die notwendig den Terror hervorgebracht habe, philosophische Weihen.
Die romantische Aufklärungskritik war nach 1793 längst politisch
geworden, aber Hegel hatte für politische Romantik nichts übrig
und verteidigte die Ideen von 1789 zeit seines Lebens als welthistorisch
gerechtfertigt; gleichwohl nahm er seinen Terrorismusvorwurf gegen die
Aufklärung niemals zurück. Das Klima der sogenannten Freiheitskriege
gegen Napoleon mit seinen antifranzösischen Affek-ten, die nationalistische
Ideologie des deutschen Sonderwegs und die Restaurationspolitik der Metternich-Ära
trugen das Ihre dazu bei, daß man in Deutschland das Wort ‚Aufklärung‘
bis ins 20. Jahrhundert fast nur noch abfällig verwandte – ganz im
Unterschied zu den engli-schen, französischen oder italienischen
Analoga enlightenment, les lumières, i lumi , die erst später
als Epochenbezeichnungen aufkamen, aber niemals in der Weise, in der unter
den Deutschen die Aufklärung häufig als flach, platt und phantasielos
verächtlich gemacht wurde. (Noch in meinem Religionsunterricht hörte
ich, in der Aufklärung hätten die Pfarrer zu Weih-nachten über
die Vorteile der Stallfütterung gepredigt.) Es ist ja nicht so, daß
sich im 19. Jahrhundert bei uns niemand zur Verteidigung und Fortführung
der Sache der Aufklärung gefunden hätte – man denke nur an Heine,
Börne, Feuerbach, Marx, Engels und viele ande-re – aber auch diese
Aufklärer verwendeten das Wort bestenfalls historisch im Sinne des
chronologischen Rückblicks; was sie selbst taten, nannten sie nicht
mehr so . Eine Aus-nahme bilden die Linkshegelianer, die ausdrücklich
eine „neue Aufklärung“ propagieren, da-mit aber das herrschende Epochenverständnis
von ‚Aufklärung‘ nur bestätigen; so formuliert Arnold Ruge:
„Die Zeit der Aufklärung ist wieder da“, und “Unsere Zeit ist die
fundamentalste Aufklärungsperiode, die es je gegeben hat.“ Ausgerechnet
der als Gegenaufklärer ver-schrieene Nietzsche ist ein weiterer Sonderfall;
in Menschliches, Allzumenschliches bekennt er sich dazu, „die Fahne der
Aufklärung – die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus, Voltaire
von Neuem“ weiterzutragen , d.h. die Sache der Aufklärung als unabgeschlossen
anzusehen. Sonst war die Verbalpolitik von Aufklärungskritik und
Gegenaufklärung so er-folgreich gewesen, daß man mit ‚Aufklärung‘
in der Regel entweder nur noch etwas Vergan-genes und Abgetanes meinte
oder etwas Dummes und Verächtliches: ‚Aufklärerei‘, und ‚Auf-kläricht‘
.
‚Aufklärung‘ historisch
Wird die Aufklärung chronologisch
verstanden im Sinne einer im Rückblick datierbaren Epoche, dann brauchen
wir uns um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen – ebenso wenig wie um die
von Renaissance und Barock; sie ruht dann wie alle epochalen Großgegenstän-de
im Schoß der Geschichte und kann nur durch ein „Neo-„ zu neuem Leben
erweckt wer-den; genau dies versuchten die Junghegelianer, und im zwanzigsten
Jahrhundert war dann von einer zweiten oder sogar dritten Aufklärung
die Rede . Was aber war die Sache der Aufklärung, an der ihre Erben
auch dort festhielten, wo sie bereit waren, die Orientierung am Epochenbegriff
der Aufklärung preiszugeben ? Die Aufklärungsphilosophen hatten
diese Sache wesentlich als eine pädagogische Angelegenheit angesehen,
aber nicht bloß von ein-zelnen Personen oder Generationen, sondern
der ganzen Menschheit; so weitete sich die Aufklärung als situationsbezogenes
Unternehmen aus zu einem welthistorischem Projekt. Wenn Kant vom „Ausgang
des Menschen...“ spricht, meint er auch die Gattung, und in sei-nen geschichtsphilosophischen
Schriften erscheint die Aufklärung als wesentliches Element dessen,
was die Natur mit der Menschheit vorhat . In demselben Sinne hatte Lessing
von der „Erziehung des Menschengeschlechts“ gesprochen, Herder von der
„Bildung zur Huma-nität“, und selbst Hegel, der die Weltgeschichte
als „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ bestimmt, läßt
dabei erneut den Ausgang aus der Unmündigkeit anklingen. So verbindet
sich durchweg das Projekt der Aufklärung mit der Idee des Fortschritts
der Menschheit als gan-zer, und man kann vermuten, daß die Faszination
des „Durch Nacht zum Licht“ als des gro-ßen Menschheitsprogramms
wesentlich dazu beitrug, daß der revolutionärer Umtriebe ver-dächtige
Aufklärungsbegriff als entbehrlich erschien; es genügte, fortschrittlich
zu sein und „dem“ Fortschritt zu dienen. Der Begründer der Soziologie,
Auguste Comte, behauptete im 19. Jahrhundert, dieser Fortschritt durchlaufe
beim Einzelmenschen wie bei der Gattung ge-setzmäßig drei Stadien:
1. das theologische oder fiktive, 2. das metaphysische oder ab-strakte,
und 3. das wissenschaftliche oder positive Stadium . Es ist nicht schwer,
darin die verschiedenen Lernniveaus wiederzuerkennen, mit denen auch wir
geneigt sind, bei der Strukturierung des globalen Aufklärungsprozesses
zu operieren: Mythos/Religion, Metaphy-sik, Wissenschaft. Auch die Marxisten,
aber ebenso Max Weber und die Autoren der Dialek-tik der Aufklärung
folgen, sofern sie die Aufklärung als die ideelle Außenseite
der menschli-chen Zivilisationsgeschichte auffassen, dem Muster von Comte,
der seinerseits auf ältere Aufklärungsautoren wie Condorcet
und Saint-Simon zurückgegriffen hatte.
Aufklärung von „Parmenides bis auf Russell“ oder „von der Amöbe
bis Einstein“ – das ist die große Rahmenerzählung für
alle Aufklärungsphänomene, sofern damit gerechnet wird, daß
es damit weitergehen muß und wird, gemäß Kants Unterscheidung
zwischen dem Zeitalter der Aufklärung und dem aufgeklärten Zeitalter.
Hier haben wir es mit einem histori-schen Aufklärungskonzept zu tun
– im strikten Wortsinn von griech. historeîn - berichten, erzählen.
Um sie zu identifizieren genügt es nicht, die Aufklärung nur
chronologisch zu datie-ren, sondern man muß sagen, wann und wie
es dazu kam und wie es damit weiterging. Wo dieser große historische
Aufklärungsbegriff verwendet wurde, trauten sich die Autoren meist
auch zu, ihre große Geschichte weiterzuerzählen bis hin zu
einem zu erwartenden oder zu bewirkenden Endziel. Folgt man freilich Comtes
Dreistadiengesetz, kommt nach dem dritten kein neues Stadium, d.h. die
Aufklärung ist dann schon an ihrem Ziel angekommen. Dies möchte
ich die kleine Rahmenerzählung nennen, und sie ist wesentlich hegelianisch.
Hegel zufolge ist die Weltgeschichte als „Fortschritt im Bewußtsein
der Freiheit“ in Wahrheit zu En-de, denn die Vernunft in der Geschichte
hat sich in Grundzügen realisiert und als Vernunft selbst erfaßt,
auch wenn es da noch einiges zu tun gibt, aber eben nichts Prinzipielles
. Die-ser Weise der Historisierung der Aufklärung mit Hilfe des „kleinen“
historischen Aufklärungs-begriffs, folgt auch Comte, demzufolge wir
ja bereits im dritten Stadium leben; sie ist eine wesentlich konservative
Strategie. Konservative sind nicht einfach gegen die Aufklärung;
sie begreifen sich selbst als aufgeklärt, aber sie glauben, auch
über die Aufklärung so aufgeklärt zu sein, daß sie
meinen, sie für beendet erklären zu dürfen; die sie fortsetzen
wollen, er-scheinen dabei selber als die Verblendeten und Unaufgeklärten
. Schon Hegel polemisiert in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie gegen
alle, die immer noch meinen, Vernunft in die Welt bringen zu müssen,
den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und nicht wahrhaben wollen,
daß die Vernunft schon längst in der Welt ist und nicht darauf
wartet, von ihnen in sie hineingebracht zu werden. Genau in diesem Sinne
haben unsere kulturkonservativen Hege-lianer in den 70er und 80er Jahren
gegen die Linke argumentiert: „Euer Projekt ist schon gelaufen; wir leben
„nach der Aufklärung“ – so Aufsatz- und Buchtitel von Hermann Lübbe
– und laßt Euch endlich darüber aufklären !“. Aber auch
die Dialektik der Aufklärung bleibt bei Hegel und der kleinen Rahmenerzählung,
wenn sie formuliert: „...Aber die vollends auf-geklärte Erde strahlt
im Zeichen triumphalen Unheils...“.
Die große Erzählung der Aufklärungsgeschichte, an der
die Marxisten am längsten fest-hielten, ist längst der Geschichte
zum Opfer gefallen, und dies nicht erst durch das postmar-xistische und
postmoderne Wissen, das diese Story als mythisch erkennt, sondern schon
durch den Historismus des 19. Jahrhunderts, den wir heute selber als eine
Gestalt der Auf-klärung verstehen . Die große historische Version
der Aufklärung im Sinne eines die ganze Menschheit umfassenden und
sich unvermeidlich auf ein Ziel hin fortzeugenden Prozesses hat keine
Zukunft. Wie es sich hingegen mit der kleinen Variante verhält, die
ja selbst eine solche Zukunft ausdrücklich bestreitet, darüber
läßt sich nicht entscheiden, ohne darauf ein-zugehen, was man
genauer mit ‚Aufklärung‘ meint. Bezieht man sie mit der deutschen
Auf-klärungsbewegung, mit Hegel und Hermann Lübbe wesentlich
auf die „Religionssachen“, dann ist die kleine Version sehr überzeugend.
Wir leben – zumindest im Westen – in einer durch und durch profanen Welt,
in der Mythos, Religion und sogar die klassische Metaphysik an den kulturellen
Rand gedrängt sind. Unsere Rechts- und Moralvorstellungen verzichten
auf jeden Bezug auf das Transzendente, und wenn dabei doch noch von Gott
die Rede ist, dann ist das Privatsache. Wir leben das, was Friedrich Engels
als „praktischen Atheismus“ bezeichnet hatte, und das Religiöse kommt
in der Öffentlichkeit fast nur noch als Garnierung vor. Daß
man ohne den Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele ganz
gut le-ben kann, war noch für Kant ein unfaßbarer Gedanke,
aber wir können es ganz gut. Unsere gelebte Moral besteht in einem
klug kalkulierenden Eudämonismus, d.h. im Glück des „Nichts
zuviel“, was Lust und Unlust betrifft, denn zuviel Lustgewinn muß
man in der Regel mit zuviel Unlust bezahlen. Suchen unsere Jungen wirklich
nach dem Glück ? Sie wollen Spaß, und das emanzipatorische
Menschheitspathos der 68er-Generation finden sie nur noch lächerlich.
So haben bei uns die politischen Parolen der Aufklärung „Freiheit,
Gleich-heit, Brüderlichkeit (Solidarität)“ längst ihren
Glanz verloren – durch ihre Verwirklichung, wie die konservativen Hegelianer
behaupten, und haben sie damit nur unrecht ? Wir leben heute in individuellen
Freiräumen, die noch vor wenigen Generationen ganz unvorstellbar
waren; die Gleichheit, mit der immer primär Gleichheit vor dem Gesetz
gemeint war, ist im moder-nen Rechtsstaat zumindest normativ verwirklicht,
und die Solidarität ist so weitgehend zur Sache unserer sozialen
Sicherungssysteme geworden, daß der Einzelne bei seinem Egois-mus
kein schlechtes Gewissen haben muß, denn er zahlt ja auch in die
Versicherungen ein. So behält das historische Aufklärungskonzept
im Sinne der kleinen Rahmenerzählung auch unabhängig von seiner
kulturkonservativen Instrumentalisierung ein begrenztes Recht; die vollendete
Profanität unserer gelebten Lebenswelt ist einfach eine Tatsache.
Nach der so verstandenen Aufklärung müssen moderne Gesellschaften,
sofern sie daran teilhatten, „ihre Normativität aus sich selbst schöpfen“
, und in Europa nutzten sie dabei ihre bürgerlich-revolutionären
Quellen; es gibt aber keine Garantie dafür, daß dies überall
„nach der Aufklä-rung“ geschieht. Der Faschismus, zu dem auch das
Regiment der Baath-Partei im Irak ge-hörte, war immer so weit aufgeklärt,
daß er sich strategisch zu den von ihm selbst propa-gierten ideologischen
Inhalten verhalten konnte; Alfred Rosenberg wurde von den Nazigrö-ßen
nur belächelt. Der Zynismus als eine Gestalt des über die Aufklärung
aufgeklärten Be-wußtseins, auf den Peter Sloterdijk einmal
eindrücklich hingewiesen hatte , wird nach mei-nem Eindruck weiterhin
sträflich unterschätzt.
‚Aufklärung‘ strukturell
Das Bild ändert sich freilich, wenn
wir uns an Kant halten und die Aufklärung wesentlich auf das Ziel
der Mündigkeit beziehen: Wer wollte behaupten, der Ausgang aus der
Unmün-digkeit sei ein für allemal abgeschlossen ? Dieser Vorgang
läßt sich nicht einfach historisie-ren, denn es ist ja immer
wieder mit neuen Unmündigkeiten zu rechnen. Hier wird deutlich, daß
wir mit dem Epochenbegriff und der geschichtsphilosophischen Modell der
Aufklärung im Sinne der großen und kleinen Erzählung nicht
auskommen. Das Aufklärungszeitalter hat nicht alle Unmündigkeiten
beseitigt; auch „nach der Aufklärung“ bestehen Unmündigkeiten
fort, und in dem globalen Aufklärungsprojekt sind immer wieder neue
Unmündigkeiten ent-standen, womit auch in Zukunft zu rechnen ist;
also brauchen wir ein strukturelles Aufklä-rungsverständnis,
das es uns erlaubt, Aufklärungsbedarfe in den verschiedensten kulturellen
Kontexten zu identifizieren und ihre Deckungschancen genauer einzuschätzen.
Darüber verfügen wir schon, wenn wir z. B. die sophistische
Aufklärung im klassischen Griechenland von der bürgerlichen
Aufklärung im neuzeitlichen Westereuropa unterscheiden, oder wenn
wir der Ansicht sind, dem Islam als Weltreligion stünde die Aufklärung
noch bevor. Die Frage nach der Aufklärung im 21. Jahrhundert läßt
sich nicht historisch oder geschichtsphiloso-phisch, sondern nur vor dem
Hintergrund eines strukturellen Aufklärungsbegriffs beantwor-ten,
der selber nur mit den Mitteln einer soziokulturellen Aufklärungstheorie
präzisiert werden könnte. Darüber verfügt der Philosoph
nicht, aber kann doch mit Gründen dafür eintreten, Aufklärung
als eine Aufgabe zu verstehen, die sich unter bestimmten Bedingungen immer
erneut stellt – z.B. durch kulturelles Vergessen oder Verdrängen
oder durch die Entstehung neuartiger Naivitäten oder „Unmündigkeiten“.
Wenn wir uns also mit Kant, was die Aufklärung betrifft, an der Idee
der Mündigkeit orien-tieren, dann haben wir uns von der Lichtmetaphorik
ziemlich weit entfernt; es ist schwer zu sehen, was jenes Ziel damit zu
tun haben soll, und so ist es nicht erstaunlich, daß Kant in seinem
berühmten Aufsatz davon keinen Gebrauch macht. Sokrates, der Großvater
der Auf-klärung, und Descartes als ihr Vater kommen ohne das Hell-Dunkel
aus, wenn sie ihr Vorha-ben beschreiben. Im Dialog Kriton sagt Sokrates:
„Denn nicht jetzt nur, sondern schon immer habe ich das an mir, daß
ich nichts anderem von mir gehorche als dem Satze, der sich mir bei der
Untersuchung als der beste zeigt.“ und Descartes erzählt, er habe
sich nach vielen Erfahrungen „so gut wie gezwungen“ gefunden, seine „Leitung
selbst zu übernehmen“ . Kant sagt genau in diesem Sinne: „Unmündigkeit
ist das Unvermögen, sich seines Verstan-des ohne Leitung eines anderen
zu bedienen“ , und so können wir Mündigkeit genauer als vernünftige
Selbständigkeit im Denken und Handeln bestimmen. Die Frage ist nur:
Wie wird man mündig ? Was ist das für ein Ausgang, von dem Kant
spricht ? Setzt der nicht schon Mündigkeit voraus ? Wer könnte
mit der Aufklärung beginnen, der nicht schon zumindest in Ansätzen
aufgeklärt wäre ? Als die Theoretiker von 1968 das Wort ‚Emanzipation‘
auf ihre Fahnen schrieben, war ihnen sicher unbekannt, daß dies
im römischen Recht die Entlassung des Jugendlichen aus der väterlichen
Gewalt bedeutete, daß man sich somit gar nicht selbst emanzipieren
konnte, weil man emanzipiert wurde. Aber auch ohne diesen Hintergrund
ist es doch sehr fraglich, ob man einfach beschließen kann, mündig
zu werden. Vielleicht haben wir als Kinder ungeduldig darauf gewartet,
erwachsen zu werden – und nichts anderes be-deutet ja Mündigsein
– aber als wir es dann waren: War dies wirklich unser eigenes Werk gewesen
? Vielen von uns ist es widerfahren als schmerzhafter Abschied von der
Kindheit und voller neuer, anstrengender und ängstigender Zumutungen.
Aufklärung als Schicksal – das haben ganze Kulturen erlebt, und sie
mußten erfahren, daß die Aufklärung Preise hat, die zu
zahlen schmerzlich ist. Die sich weigerten, versuchten es mit Repression,
und so wur-de Sokrates nicht nur zum Großvater, sondern zugleich
zum ersten Märtyrer der Aufklärung. Und doch blieb dieses Mittel
erfolglos, obwohl es durch die Jahrhunderte zahllose Opfer for-derte.
Der Grund dafür ist in der Tatsache zu suchen, daß es sich
gegen die Falschen rich-tet, denn in Wahrheit beginnt der Ausgang aus
der Unmündigkeit nicht mit den Mündigen, die Aufklärung
nicht mit den Aufgeklärten, die man beseitigen könnte, sondern
mit dem Zweifel, der um sich greift, und der ist nur das Symptom der Verunsicherung
und Erschütte-rung lebensweltlicher Selbstverständlichkeiten,
die man nicht gewaltsam wieder beseitigen kann; vielmehr werden sie auf
diese Weise nur verstärkt. Die ersten Aufklärer sind somit die
Zweifler, und die sind die Seismographen der kulturellen Erdbeben, und
die Boten, die man für ihre Botschaft hinrichtet; aber der Ätna
bricht auch dann aus, wenn man alle Meßstatio-nen abreißt.
Die Aufklärungskritiker seit Rousseau haben die Kosten des Mündigwerdens
immer sehr genau bezeichnet; man kann sie nicht einfach als Gegenaufklärer
abtun, sofern sie mit ihren Argumenten die Aufklärung über sich
selbst aufklärten. Kant sagt, die Natur habe die Men-schen „längst
von fremder Leitung freigesprochen“ ; das aber bedeutet, daß sie
nun nicht mehr für sie sorgt und sie deshalb ganz auf eigenen Füßen
stehen müssen. Dies aber ist zugleich eine Last, die auch unsere
Kinder empfinden, wenn wir froh sind, daß wir uns end-lich nicht
mehr um sie kümmern müssen. Daß uns die Natur freigesprochen
hat, bedeutet zugleich, daß wir aus ihr herausgefallen sind, daß
sie uns nun als fremde gegenübersteht; Freiheit bedeutet immer auch
Entfremdung. Dieses Fremdgewordensein der Natur durch Aufklärung,
d.h. durch den Abschied vom Mythos und die kulturelle Neutralisierung
der Schöpfungstheologie haben vor allem die Romantiker als „Entzauberung“
der Welt, als Tri-vialisierung ihrer Geheimnisse und Nivellierung ihres
qualitativen Reichtums erfahren und beklagt. Aber ihr Programm einer Wiederverzauberung
durch Poesie erwies sich als macht-los, weil die erlebte Entfremdung von
der Natur nur die phänomenale Außenseite eines durch Aufklärung
veränderten, praktischen Naturverhältnisses ist. Wenn Gott und
die Welt nicht mehr für die Menschen sorgen, müssen sie selbst
für sich sorgen, und Francis Bacon hat am Beginn der Neuzeit genau
gesagt, wie das geht: Wir müssen uns der Natur erken-nend unterwerfen,
um sie technisch beherrschen zu können. So verbindet sich das Bacon-Projekt
der Naturbeherrschung durch Wissenschaft und Technik nicht zufällig
mit dem De-scartes-Projekt vernünftiger Selbständigkeit im Denken
und Handeln, und Descartes zitiert es selbst zustimmend in der berühmten
Formulierung, es gehe darum, den Menschen als „maître et possesseur
de la nature“ einzusetzen. Dies ist auch der Grund, warum im 19. Jahrhundert
als dem Zeitalter der Industrialisierung die Aufklärung nicht mehr
wie im Jahr-hundert zuvor als Befreiung, sondern primär als Ernüchterung,
Desillusionierung und Ent-täuschung im Doppelsinn des Wortes erfahren
wurde – bis hin zum Nihilismus; da war ihr Wortführer Friedrich Nietzsche.
Im 19. Jahrhundert hatte die Ernüchterung und Desillusionie-rung
längst auch das erfaßt, was die bürgerlichen Revolutionäre
einmal auf ihre Fahnen ge-schrieben hatten, und dabei wurde deutlich,
daß Aufklärung und politische Emanzipation nicht so eng zusammenhängen,
wie noch unsere 68er dachten, weil der Gebrauch des eige-nen Verstandes
„Freiheit, Gleichheit, Solidarität“ nicht einfach impliziert oder
gar hervor-bringt. Schon Kant hatte nur eine sehr indirekte Verbindung
zwischen dem Projekt der Auf-klärung und jenen Stichworten hergestellt,
und er tat recht daran, weil man nicht bestreiten kann, daß auch
die konservativen Kritiker und selbst die Zyniker sich ihres eigenen Verstan-des
ohne fremde Leitung bedienen. Der Nietzsche des Zarathustra faßt
eine „neue Aufklä-rung“ als „Vorbereitung zur Philosophie der ewigen
Wiederkunft“ ins Auge, die in ihren ethi-schen und politischen Implikationen
den Ideen von 1789 diametral entgegengesetzt ist, und doch kann man nicht
behaupten, er sei von der „Fahne der Aufklärung – der Fahne mit den
drei Namen: Petrarca, Erasmus, Voltaire“ - einfach davongelaufen.
Praktische Selbstbestimmung und technische Selbstsorge erzeugen zudem
subjektive Kosten; in der Dialektik der Aufklärung heißt es:
„Nur solches Denken ist hart genug, die Mythen zu durchbrechen, das sich
selbst Gewalt antut.“ Naturbeherrschung hat nur dann eine Chance, wenn
die Menschen in individueller wie in sozialer Hinsicht dem auch gewach-sen
sind, und sie werden es nur durch Selbstdisziplin. Diesen Prozeß
der menschlichen Selbstdisziplinierung oder Selbstdomestikation hat Max
Weber als die psychische Innenseite des welthistorischen Vorgangs der
abendländischen Rationalisierung beschrieben, und diese Deutung legt
auch die Dialektik der Aufklärung ihren Diagnosen zugrunde; die Modernisie-rung
durch Rationalisierung zeigt sich nicht nur in der Industrialisierung,
Ökonomisierung und Bürokratisierung aller sozialen Bereiche,
sondern ergreift unvermeidlich auch die Lebens-formen und Weltbilder der
einzelnen Menschen. Daß diese Dynamik zunehmend und im glo-balen
Maßstab auf die vormodernen Lebensbereiche übergreift, hat
Jürgen Habermas in der Fortführung Max Webers als "innere
Kolonialisierung“ der Lebenswelt bezeichnet. Der zeit-genössische
Widerstand dagegen ist der weltweite Fundamentalismus – nicht nur der
islami-sche; seine Empörung speist sich zudem aus der Lehre Rousseaus,
daß der technisch-wissenschaftliche Fortschritt keineswegs mit moralischer
Besserung einhergeht, sondern im Gegenteil: daß er ihr entgegenwirkt
. Es ist wohl selten so viel intellektueller Unsinn über ein historisches
Ereignis geredet worden wie über das des 11. September 2001; ich
denke, es ist kein Unsinn, wenn wir dazu sagen: Es handelte sich nicht
um den Aufstand der Armen und Entrechteten gegen den reichen Westen oder
um einen neuen Religionskrieg, sondern um den von fundamentalistischen
Intellektuellen geplanten und organisierten Kampf dessen, was sie für
die heile Welt ihrer Traditionen halten, gegen die Kolonialisierung durch
die west-liche Moderne, die sie in religiöser und moralischer Hinsicht
hassen und verachten; dies hin-dert sie freilich nicht, all ihre technischen
Möglichkeit zu nutzen, um gegen sie vorzugehen.
Aufklärung heute ?
Was bedeutet Mündigkeit heute ?
In einer Situation, in der im Westen die Ideen von 1789 zumindest im Prinzip
verwirklicht sind, ohne daß man dies von der Mündigkeit sagen
könnte, ist sie das Problem und nicht „Freiheit, Gleichheit, Solidarität“,
obwohl es da immer wieder viel zu tun gibt; diese Prinzipien sind in den
modernen Demokratien längst Verfassungsrecht, und darum sollten wir
uns an dieser Stelle vor Aufklärungsnostalgie hüten. Als Michel
Foucault in den 60er Jahren behauptete: „Im Augenblick ist es unsere Aufgabe,
uns endgül-tig vom Humanismus zu befreien, und unsere Arbeit ist
in diesem Sinne eine politische Auf-gabe.“ und damit nicht nur seine deutschen
Leser schockierte, reagierte er damit auf die Tatsache, daß in Frankreich
„Liberté, egalité, fraternité“ an jedem Dorfrathaus
steht und längst zur Establishment-Ideologie wurde; in Deutschland
ist das etwas anders, aber auch hier gilt: Bei der Frage nach der Aufklärung
im 21. Jahrhundert geht es primär um die Chan-cen und Gefahren vernünftiger
Selbständigkeit in der Gegenwart, und dies war immer auch das Leitthema
von Foucault.
Kant sagt, die Natur habe uns „längst von fremder Leitung freigesprochen,
und deshalb sei die Unmündigkeit „selbstverschuldet“, denn sie beruhe
nur auf „Faulheit und Feigheit“. Schon Hamann protestierte in einem Brief
dagegen und bestand darauf, daß die Schuldigen die selbsternannten
Vormünder sind; im übrigen sagt er: „Mit was für Gewißen
kann ein Rai-sonneur (und) Speculant hinter den(m) Ofen und in der Schlafmütze
den Unmündigen ihre Feigheit vorwerfen, wenn ihr blinder Vormund
ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer [von dem Kant selbst gesprochen
hatte – H.S.] zum Bürgen seiner Infallibilität und Orthodoxie
hat.“ Der bloße Appell an individuellen Mut in politischen Verhältnissen,
in denen wie in Preußen die Freiheit nach Lessing ausschließlich
darin bestand, daß man straffrei Dumm-heiten über die Religion
sagen durfte, mußte Hamann geradezu zynisch erscheinen, und wir
können ihm dabei bei aller Kantverehrung nicht einfach Unrecht geben.
Freilich verortete Kant die Möglichkeit „der Entschließung
und des Mutes“, sich seines Verstandes „ohne Lei-tung eines anderen zu
bedienen“ genau in dem Raum, den Friedrich II. bereits eröffnet hatte
– nämlich in dem der Freiheit, „von seiner Vernunft in allen Stücken
öffentlichen Gebrauch zu machen“ , während im übrigen galt:
„Räsoniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht
!“ , aber genau dieser Freiraum wurde von seinem Nachfolger Friedrich
Wilhelm II. wieder kassiert, was Kant Publikationsverbot einbrachte. Man
kann Kant gegen Hamann nur durch den Hinweis verteidigen, daß er
nicht behauptet hatte, die Frage der Redefreiheit sel-ber sei damals nur
eine Sache der „Entschließung und des Mutes“ gewesen.
Und das gilt auch heute für den „Wahlspruch der Aufklärung“:
„Sapere aude ! [Wage zu wissen !] Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes
zu bedienen !“ Zum Glück bedarf es unserer „Entschließung“
und unseres „Mutes“ nicht mehr, um die rechtlichen Voraussetzun-gen für
den eigenen Verstandesgebrauch zu schaffen, aber was seine sozialen, politischen
und ökonomischen Bedingungen betrifft, so genügen Entschließung
und Mut auch heute nicht, um sie zu sichern. Was also muß hinzukommen
? Darauf gibt Kant selbst einen Hin-weis: „Es ist...für jeden einzelnen
Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur ge-wordenen Unmündigkeit
herauszuarbeiten...Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch
eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln
und dennoch einen sicheren Gang zu tun. Daß aber ein Publikum sich
selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur
Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.“ Tatsächlich ist
es Aufklärung fast unmöglich als Projekt eines Einzelnen; Descartes
ist da eine Ausnahme, die aber auch nicht ganz ohne Publikum auskam. Für
‚Publikum‘ sagen wir heute Öffentlich-keit, und die damit gemeinte
Freiheit des öffentlichen Vernunftgebrauchs ist die der Kommu-nikation
in einer offenen Gesellschaft; beides ist genau das, was alle autoritären
und totalitären Regime als erstes behindern und zu zerstören
versuchen. Für sie ist Öffentlichkeit viel zu gefährlich,
denn schon Kant wußte, daß das entwickelte „freie Denken“
unvermeidlich „all-mählich...auf die Sinnesart des Volks“ zurückwirkt,
„wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird.“
An dieser Stelle und nur auf diesem Wege – und nicht auf dem einer Revolution
– sieht Kant einen inneren Zusammenhang zwischen der Aufklärung und
den Ideen von 1789: „Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall
von persönli-chem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschender
Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen;
sondern neue Vorurteile werden, ebensowohl als die alten, zum Leitbande
des gedankenlosen großen Haufens dienen.“ Aufklärung als „Reform
der Denkungsart“ ist die Voraussetzung für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit;
Revolutionen können sie nicht erzeugen.
Der Grund ist: Man kann nicht einfach aufklären, sondern man muß
sich aufklären; alles übrige wäre bloße Indoktrination,
Agitation, Propaganda . Die revolutionären Eliten aller Zeiten, die
sich von vornherein das richtige Bewußtsein zugesprochen hatten,
haben genau dies geglaubt – daß man Aufklärung erzeugen könne,
wobei sie schon wußten, was allein das Resultat sein darf. Das Resultat
waren immer Erziehungsdiktaturen, in denen für Öffent-lichkeit
kein Raum ist. Auch wenn dabei wie bei den Marxisten die Worte ‚Aufklärung‘,
‚Frei-heit‘ oder ‚Mündigkeit‘ ständig im Munde geführt
wurden, ist es ein absurdes Unterfangen, dies alles mit Druck und Zwang
erzeugen zu wollen; es ist so, wie wenn Eltern ihren Kindern befehlen:
„Nun seid endlich mal selbständig !“, und dann unzufrieden sind mit
dem, was da-bei herauskommt. Gibt man aber Aufklärung wirklich frei
als das eigene Projekt freier Men-schen in einem öffentlichen Raum,
dann wird dieses Projekt notwendig selbst mit zum The-ma der Kommunikation
gehören müssen; Aufklärung über die Aufklärung
ist dann nicht län-ger ausgeschlossen, und genau das ist es, was
die Erziehungsdiktatoren fürchten. In diesem Sinne hat schon Kant
sein Zeitalter der Aufklärung als das „eigentliche Zeitalter der
Kritik“ bezeichnet, „der sich alles unterwerfen muß. Religion, durch
ihre Heiligkeit, und Gesetzge-bung, durch ihre Majestät, wollen sich
gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdenn erre-gen sie gerechten
Verdacht wider sich, und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch
machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und
öffentliche Prüfung hat aushalten können.“ Wer Aufklärung
freigibt, muß auch der Aufklärungskritik eine Chance geben,
und dies selbst dann, wenn sie auf den ersten Blick aus der falschen Ecke
zu kom-men scheint; das ist der Preis dafür, daß Aufklärung
ein reflexives oder selbstreferentielles Geschäft ist. Es ist eben
nicht so leicht, zwischen der Gegenaufklärung und der Aufklärung
über die Aufklärung zu unterscheiden; was Dogmatiker wie Georg
Lukács als „Zerstörung der Vernunft“ brandmarkten – die Romantik,
den Historismus, die Tradition ‚Schopenhauer-Nietzsche-Freud, und selbst
den politischen Konservatismus – haben wir inzwischen als Quelle berechtigter
Einwände gegen die selber dogmatisch gewordenen Aufklärungsbewe-gung
achten gelernt. Die Grenze zwischen der Gegenaufklärung und der Aufklärung
über die Aufklärung verläuft dort, wo die Argumente verstummen
und die Kritik der Gewalt weicht, und sei es der im Namen von Aufklärung
und Freiheit .
Nach dem Ende des schrecklichen 20. Jahrhunderts mit seinen blutigen totalitären
Pro-grammen scheint zumindest im Westen die Existenz von Öffentlichkeit
nicht mehr das Pro-blem des Projekts der Aufklärung zu sein. Im Zeitalter
Kants mußte es in der auch von ihm erhofften Form scheitern, weil
der öffentliche Gebrauch der Vernunft damals nur ganz weni-gen offenstand
und nur einen Bruchteil der Bevölkerung erreichte. Heute ist es gerade
um-gekehrt: Die Massenmedien dringen bis in den letzten geographischen
und mentalen Winkel vor, und mit dieser Art von Öffentlichkeit stellt
sich die Frage der Aufklärung ganz anders: Was heißt in der
Medien- und Informationsgesellschaft „Ausgang aus der Unmündigkeit“
und Vernunftgebrauch „ohne fremde Leitung“ ? Das Problem der Aufklärung
heute ist nicht In-formationsmangel wie im 18. Jahrhundert, sondern das
der Desinformation im Informations-überfluß, der durchaus geeignet
ist, Informationsunterdrückung zu cachieren. Der amerikani-sche Soziologe
Richard Sennett hat vor dem Irak-Krieg im SPIEGEL berichtet, daß
in den USA die Bevölkerung weder etwas erfährt über die
politischen und sozialen Ursachen des Terrorismus noch über die Argumente
der europäischen Verbündeten gegen die Irak-Politik der Bush-Administration,
deren Mitglieder unablässig im Fernsehen erscheinen . Ähnlich
ist es in der Telekratie des Sergio Berlusconi, der alle italienischen
Fernsehkanäle kontrolliert, und die vor allem mit Nachrichtenunterdrückung
arbeitet; hier fällt einem die klassische For-mulierung aus der Dialektik
der Aufklärung ein: „Aufklärung als Massenbetrug“ . Daß
gleichwohl die drei Lügen an den Tag kamen, mit denen der Irak-Krieg
gerechtfertigt wurde – die Existenz von Massenvernichtungswaffen, die
Kooperation Saddam Husseins mit Al Qai-da und die Sehnsucht des irakischen
Volkes nach westlicher Demokratie – läßt einen zumin-dest hoffen.-
Das viel dramatischere Problem aber lautet: Was sind Fakten in der Medienge-sellschaft
? Gibt es sie überhaupt noch, oder ist nicht längst hinter der
Informationsfassade die Wirklichkeit unerreichbar geworden oder sogar
kollabiert, wie der französische Philosoph Jean Baudrillard behauptet
? Den Terminus ‚Wissensgesellschaft‘ halte ich für reine Ideo-logie,
denn wenn Wissen dasselbe ist wie wahre, gerechtfertigte Überzeugung,
dann ist doch zu fragen, wie wir heute wissen können, was in der
riesigen Informationsflut wahr ist und was nicht, und mit welchen Gründen
wir dazwischen unterscheiden sollen. Genau das aber hatte die Aufklärungsbewegung
seit Descartes einmal unter Mündigkeit verstanden: die Fähigkeit
zum eigenen kritischen Urteil. Was soll in der Mediengesellschaft daraus
werden, wenn die Tatsachen einmal ganz hinter den Informationen verschwunden
sein werden ?
So bleiben auch in unserer Gegenwart das Thema ‚Aufklärung‘ auf der
Tagesordnung und Kants Rede vom „Ausgang aus der Unmündigkeit“ aktuell,
weil auch „nach der Aufklärung“ immer wieder neue Unmündigkeiten
entstanden sind und entstehen werden. Ob „selbstver-schuldet“ oder nicht
– Attacken gegen „Faulheit und Feigheit“ genügen jedenfalls nicht,
um den Menschen dazu zu bringen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines
anderen zu be-dienen.“ Wir brauchen genaue empirische Analysen der Ursachen
der neuartigen Aufklä-rungsbedarfe und eine gründliche Erörterung
der institutionellen Chancen, ihnen abzuhelfen. Dabei müssen wir
uns freimachen von der großen Rahmenerzählung der Aufklärung
als dem großen Menschheitsprojekt, das nur geeignet ist, neue Mythen
und Unmündigkeiten zu er-zeugen; die Formel „...nach der Aufklärung“
ist einzuschränken auf die kulturellen Bereiche und Tatbestände,
für die sie etwas historisch Nachprüfbares aussagt. Nicht als
geschichts-philosophisches, sondern nur als praktisches Prinzip bleibt
Aufklärung aktuell, und in genau diesem Sinn sagt Kant: „Die Maxime,
jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Viel-leicht wissen
wir noch gar nicht, was das heute bedeutet.
Copyright (c) 2004 by Herbert Schnädelbach.
Der Text ist enthalten in:
Herbert Schnädelbach
Analytische und postanalytische Philosophie
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 3518292900
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