Festvortrag 19. November 2001


Stuttgart wird zu einer Stadt des Buches
Hundert Jahre Stadtbücherei

von Paul Sauer



Bis weit herein ins 18. Jahrhundert konnte von einem kulturellen und literarischen Leben in Stuttgart keine Rede sein. Abgesehen von Bibeln, Gesangbüchern und geistlicher Erbauungsliteratur war das Medium Buch für die überwiegende Mehrheit der Bürgerschaft uninteressant. Die tonangebende evangelische Geistlichkeit hielt es für ausreichend, wenn die Untertanen über leidliche Kenntnisse im Lesen, Schreiben und allenfalls noch im Rechnen verfügten. Höhere geistige Interessen erschienen ihr von Übel. Sie unterdrückte deshalb, vor allem soweit sie pietistisch orientiert war, die Beschäftigung mit "nutzloser poetischer Lektüre". Kein Wunder, wenn Stuttgart in zeitgenössischen Urteilen als Musterbeispiel "geräuschloser Einförmigkeit und spießbürgerlicher Kleinstädterei" galt. Unter dem Einfluss der Hohen Carlsschule vollzog sich ein grundlegender Wandel, Literatur und Kunst blieben nicht länger Fremdwörter. Das gesellige Leben wurde freier, ungezwungener. Man fing an, über die eng und streng gezogenen Grenzen Württembergs hinauszublicken und sich um Anschluss an die kulturelle Entwicklung im übrigen Deutschland und in den westeuropäischen Ländern zu bemühen. Allseits geachtete und vielseitig gebildete Bürger öffneten ihre Häuser für literarische Gesprächskreise, sie wurden zu Anregern, Vermittlern, Multiplikatoren. Die Lektüre schöngeistiger Literatur verbreitete sich zunehmend. 1781 stellte dies der Berliner Buchhändler Nicolai insbesondere für die Stuttgarter Frauen fest.

Großen Anklang fand der Buchhändler Metzler mit der von ihm 1784 gegründeten Lesegesellschaft, zunächst Lesekabinett genannt. Die Gesellschaft kam dem Bedürfnis nach geselliger Unterhaltung wie nach der Lektüre literarischer Texte und allgemein interessierender Schriften entgegen. Ungeachtet des sehr hohen Jahresbeitrags von 10 fl stieg die Zahl der Mitglieder bis 1793 auf 128 an. Bei der Aufnahme neuer Mitglieder entschieden übrigens "Vorzüge des Geistes und des Herzens", nicht jedoch "Stand und äußere Vorzüge". Nach den Statuten der Gesellschaft von 1787 sollten die vorzüglichsten politischen und gelehrten Zeitschriften angeschafft werden, so hatte auch jedes Buch, "durch welches der Mensch über seine allgemeine und besondere Bestimmung aufgeklärt, wodurch der Verstand, das sittliche Gefühl und der Geschmack vervollkommnet werden", sowie, "jedes gemeinnützige oder für den Geist des Zeitalters charakteristische Werk Anspruch auf einen P1atz in der Bibliothek der Gesellschaft". 1790 rief der Kaffeewirt Glaser eine zweite, 1804 der Buchbinder Becker eine dritte Lesegesellschaft ins Leben.

1785 eröffnete der Buchhändler Metzler zudem eine Leihbibliothek. Sie entwickelte sich aber offensichtlich nicht in seinem Sinn; er überließ sie deshalb 1791 dem Buchdrucker Erhardt. Die Nachfrage nach interessanter Lektüre scheint damals groß gewesen zu sein, denn am Ende der Napoleonischen Kriege gab es bereits mehrere Bibliotheken dieser Art, darunter freilich auch solche, die recht fragwürdiges Schriftgut - Schmutz und Schund - anboten. Außerdem bestand eine Anzahl von Privatbibliotheken, deren Eigentümer ihre Bücherschätze Interessenten bereitwillig zugänglich machten und denen daher das Prädikat der Gemeinnützigkeit zuzuerkennen war.

Einen hervorragenden Platz im geselligen und kulturellen Leben Stuttgarts erlangte in kurzer Zeit die 1807 von Angehörigen des Adels und des gehobenen Bürgertums gegründete Museumsgesellschaft. Sie veranstaltete Vorträge, Gesellschaftsabende, Konzerte, Bälle und Musikabende. Den Mitgliedern stand ein Klubhaus mit einer reich ausgestatteten Bibliothek zur Verfügung. Ähnliche Ziele wie die Museumsgesellschaft verfolgte die seit 1823 bestehende Bürgergesellschaft, auch Bürgermuseum genannt. Sie war aber von erheblich bescheidenerem Zuschnitt. In ihr gaben kleine Kaufleute und Handwerker den Ton an. Auch das Bürgermuseum besaß eine viel benutzte Bib1iothek.

Wenn das Buch gegen Ende des 18. Jahrhunderts den kleinen Kreis wissenschaftlich und literarisch Gebildeter durchbrach und zum wichtigsten Medium des geistigen Bildungsstrebens sowie der anspruchsvollen Unterhaltung wurde, so kam hierbei Herzog Carl Eugen ein wesentliches Verdienst zu. Er gründete 1765 in Ludwigsburg eine "Öffentliche Bibliothek", die heutige Württembergische Landesbibliothek, und verlegte diese zehn Jahre später nach Stuttgart. Durch verschiedene Maßnahmen, so durch die Abgabe von Pflichtexemplaren von jedem in Württemberg erschienenen Buch, durch finanzielle Beiträge der Buchhändler, ganz besonders aber durch den Ankauf wertvoller Druckwerke und ganzer Bibliotheken, sorgte der Herzog für ein schnelles Anwachsen der Bibliothek.

In die Mitte des 18. Jahrhunderts reichen auch die Anfänge der Stuttgarter Rathausbibliothek zurück. Primär für Verwaltungszwecke angelegt, war sie bis ins 20. Jahrhundert hinein die eigentliche Stadtbibliothek. Eine hervorragende Bedeutung kommt ihr heute durch ihre wertvollen Altbestände zu: landeskundliche und stadtgeschichtliche Literatur sowie Erstausgaben schwäbischer Dichtung.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde Stuttgart immer mehr zu einer Stadt des Buches. 1840 gab es hier 26 Buchdruckereien und 28 Buchhandlungen, die zu einem guten Teil auch Verlage waren. Groß gefeiert wurde am 24. Juni, dem Johannisfeiertag, jenes Jahres die 400. Wiederkehr der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg. Die gesamte Einwohnerschaft beteiligte sich, zumal von dieser Erfindung, wie es hieß, alle Volksklassen in gleicher Weise profitiert hatten. Eine Reihe Stuttgarter Verlage, so der seit l810 hier ansässige Verlag Cotta, waren im ganzen deutschen Sprachgebiet bekannt und geschätzt. 1842 konstituierte sich ein eigener Stuttgarter Buchhändlerverein.

Auch zu einem literarischen Zentrum stieg die württembergische Haupt- und Residenzstadt auf. Ein Großteil der Dichter der sogenannten schwäbischen Schule war hier bodenständig oder hielt sich doch längere Zeit hier auf. Zu ihren bedeutendsten Vertretern zählten Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Paul Pfizer, Graf Alexander von Württemberg und Georg Reinbeck. 1840 lebten in Stuttgart nicht weniger als 249 Schriftsteller. Zu einer geistigen und kulturellen Institution von hohem Rang wurde innerhalb weniger Jahre der 1839 ins Leben gerufene Literarische Verein, dessen Protektorat König Wilhelm I. übernahm. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, seltene alte Drucke und bislang ungedruckte Quellen zur Geschichte sowie Sprachdenkmale zu editieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. An seinem großartigen Editionsprogramm beteiligten sich Gelehrte aus ganz Deutschland.

Obwohl seit der Napoleonischen Zeit Mittelpunkt des im Vergleich zum ehemaligen Herzogtum gebietsmäßig und der Einwohnerzahl nach fast verdoppelten Königreichs Württemberg tat sich Stuttgart in wirtschaftlicher Hinsicht schwer, aus dem Schatten der fürstlichen Residenz herauszutreten und sich der in Westeuropa schon weit fortgeschrittenen Industrialisierung zu erschließen. Dies änderte sich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart erhielt Anschluss an die Eisenbahn. Seine wirtschaftlichen Auftriebskräfte erstarkten. Eine Reihe hoch befähigter und weit schauender Industriepioniere öffnete Württemberg und insbesondere seiner Hauptstadt das Tor zur modernen Welt. Stuttgart, das 1846 erst 50 000 Einwohner zählte, wuchs, alle anderen Städte des Königreichs weit hinter sich 1assend, zur Großstadt heran. 1870 näherte es sich bereits der 100 000er, bald nach 1900 erreichte es die 200 000er Marke. Seine Industrie, jetzt vielseitig, innovativ und leistungsfähig, erlangte weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen ausgezeichneten Ruf.

Der Anteil der lohnabhängigen Arbeiterschaft an der Einwohnerschaft nahm stetig zu. Trotz bedrückender Armut in den unteren Bevölkerungsschichten, die nur langsam etwas von ihrer hoffnungslosen Düsternis verlor, war hier das soziale Klima erheblich weniger konfliktgeladen als in anderen deutschen Ländern. Das ominöse Sozialistengesetz wurde 1878 bis 1890 in Württemberg vergleichsweise großzügig durchgeführt. Norddeutsche Arbeiterführer fanden hier während der Verfolgungszeit Zuflucht. Zuzuschreiben war dies dem humanen Sinn König Karls und dem politischen Geschick der Regierung Mittnacht. Ein Großteil der führenden schwäbischen Unternehmer zeichnete sich durch vorbildliches menschlich-soziales Verantwortungsbewusstsein aus. Die Sorge für ihre Mitarbeiter war für diese Industriepioniere beileibe nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Sie lebten mit und für ihre Belegschaft. Ein beachtlicher Prozentsatz der von ihnen erwirtschafteten Gewinne floss in soziale und karitative Einrichtungen. Die Stadt Stuttgart und namentlich der minder bemittelte Teil der Bürgerschaft profitierten von ihren wahrhaft fürstlichen Stiftungen. Neben dem Königshaus traten zahlreiche Industrielle, Bankiers und Verleger als Mäzene und Wohltäter hervor, so auch auf dem weiten Feld der Volksbildung.

Dass der l 863 von 191 Männern gegründete Arbeiterbildungsverein einen überraschend schnellen Aufschwung nahm, dass er bereits 1867 am Wilhelmsplatz ein eigenes Haus erwerben und im Jahr darauf dort noch ein weiteres Gebäude erstellen konnte, verdankte er in erster Linie dem jüdischen Industriepionier und nachmaligen Stuttgarter Ehrenbürger Eduard Pfeiffer. Dieses Zentrum am Wilhelmsplatz, das auch eine Bibliothek beherbergte, ermöglichte dem Verein vielfältige, dem Bildungsdrang der sozial benachteiligten Unterschichten Rechnung tragende kulturelle Aktivitäten. Eduard Pfeiffer war auch der Initiator und Organisator der vom Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen zu Beginn der 1890er Jahre erbauten Siedlung Ostheim. Die 1893 dort eröffnete, 1912 4000 Bände umfassende Bibliothek sollte durch das Angebot guter Lektüre die Häuslichkeit und das Familienleben der Bewohner fördern. Die Bibliotheken des Arbeiterbildungsvereins und der Siedlung Ostheim waren zukunftsweisende Initiativen, und sie blieben in Stuttgart nicht die einzigen.

Seit den 1830er Jahren gab es in einer größeren Zahl deutscher Städte Volksbibliotheken, die den unteren Bevölkerungsschichten den Zugang zum Buch ermöglichen sollten. Sie alle besaßen einen ausgeprägten Wohltätigkeitscharakter, vermochten aber den wachsenden Bedarf an guter belehrender und unterhaltender Literatur keineswegs zu befriedigen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dies. Deutsche Bibliothekare lernten bei Reisen in die USA die amerikanischen "Public Libraries" kennen, hervorragend ausgestattete öffentliche Bibliotheken, die Menschen der verschiedensten Berufe und des unterschied1ichsten Bildungsniveaus zu ihren Benutzern zählten. Besonders zu nennen ist hier neben dem österreichischen Geologieprofessor Eduard Reyer (1849 - 1914) der Kieler Universitätsbibliothekar Constantin Nörrenberg (1862 - 1937), der später die Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf aufbaute und dort viele Jahre tätig war. Beide Männer hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert in den USA das System der "Public Libraries" studiert und darüber ausführlich im Centralblatt für Bibliothekswesen berichtet. Nörrenberg, der 1893 an einer internationalen Bibliothekarstagung in Chicago teilgenommen hatte, forderte im deutschen Bibliothekswesen grundlegende Reformen: Schaffung von finanziell gut ausgestatteten Bibliotheken, die allen Bevölkerungsschichten in gleicher Weise zugänglich waren und deren Leitung in den Händen von Fachkräften lag. Der Erwerb neuer Bücher sollte nach unparteiischen, tendenzfreien Auswahlprinzipien erfolgen, im Bereich der schönen Literatur ausschließlich nach dem Kriterium des künstlerischen Werts. Die Buchausleihe der neuen Bildungsbibliotheken für "alle Stände" war nach dem angelsächsischen Muster mit einem zweckmäßig eingerichteten Leseraum bzw. einer Lesehalle zu verbinden. Nörrenberg empfahl, dass diese Bücher- und Lesehallen, bei denen Ausleihbibliothek und Lesesaal einander wechselseitig ergänzten, von Städten und Kommunalverbänden eventuell mit finanzieller staatlicher Unterstützung unterhalten werden sollten.

Kaum ins Leben getreten, gestaltete die Bücherhallenbewegung die deutsche Bibliothekslandschaft völlig um. Allenthalben entstanden auf ihrem Konzept beruhende öffentliche Bibliotheken; gut organisiert, wirtschaftlich arbeitend und sich an einem anspruchsvollen Bildungsangebot orientierend. 1899 rief die sieben Jahre zuvor gegründete Comenius Gesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung alle Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern dazu auf, Bücherhallen einzurichten oder schon bestehende Bibliotheken in das neue Büchereisystem zu überführen. Eine Zusammenfassung ihrer Grundsätze fügte die um eine Hebung der Bildung und Sittlichkeit, um Milderung der Klassengegensätze und um Völkerverständigung bemühte Gesellschaft bei; sie fand ein sehr zustimmendes Echo.

1897 begann für Stuttgart das Bücherhallenzeitalter. Vier Jahre, nachdem in Freiburg die erste deutsche Bibliothek des Bücherhallentyps ihre Pforten geöffnet hatte, gründeten hier neun Männer den Verein "Volksbibliothek Stuttgart". Die neue Bibliothek erhielt dank des Entgegenkommens des württembergischen Finanzministeriums eine provisorische Unterkunft im Hinterhof der Legionskaserne. Bei der Eröffnung der Bibliothek am 20. September 1897 erklärte Nathanael Rominger, der Initiator und Organisator der Bücherhallenbewegung in der württembergischen Haupt- und Residenzstadt, die neue Einrichtung wolle zu der dringend notwendigen Förderung der noch sehr unbefriedigenden allgemeinen Volksbildung beitragen, junge Leute vom Wirtshausbesuch abhalten und den Leihbibliotheken mit ihrem Angebot an teurer schlechter Literatur eine reiche und preiswerte Auswahl an guten Büchern gegenüberstellen. Rominger war jeder Leser willkommen, ganz besonders aber warb er um Arbeiter, Handwerker und Angestellte. Diesen war bislang die Benutzung von Bibliotheken versperrt gewesen, weil sie die verlangte Bürgschaft oder Kaution nicht oder nur unter großen finanziellen Opfern hatten leisten können und weil andererseits die Öffnungszeiten der Büchereien mit ihren Arbeits- oder Dienststunden zusammenfielen. Die nunmehrige Volksbibliothek war an Werktagen abends und ebenso sonntags geöffnet, und sie war insbesondere auch wenig bemittelten Bürgern zugänglich. Ihr Bücherbestand wuchs rasch an. 1901 waren es 10 000 und 1914 35 000 Bände. Schon im Jahr 1900 konnte eine Jugendabteilung für zwölf- bis 16-jährige Mädchen und Jungen angegliedert werden. Den Eltern erlegte die Bibliotheksleitung auf, die von ihren Kindern entliehenen Bücher daraufhin zu prüfen, ob sie "für das Alter und die Eigenart des betreffenden Lesers passten".

Am 9. Juni/21. August 1901 gab sich der im Vereinsregister beim Königlichen Amtsgericht in Stuttgart Stadt eingetragene Verein "Volksbibliothek Stuttgart" eine Satzung. In ihr wurde als Zweck der Bibliothek formuliert, "den Bewohnern unserer Stadt eine allgemein zugängliche und leicht benutzbare Gelegenheit zu unterhaltender und bildender Lektüre zu verschaffen". Der Verein setzte sich aus den zur Leitung der Bibliothek zusammengetretenen 16 Mitgliedern, den von der Stadt Stuttgart bestimmten Vertretern - allerdings nur, solange die Stadt einen finanziellen Beitrag leistete , ferner aus einem oder aus zwei hinzugewählten Mitgliedern zusammen. Persönlichkeiten, die sich um die Bibliothek verdient gemacht hatten, konnten zu Extramitgliedern ernannt werden. Organe des Vereins bildeten der Vorstand sowie die Vereinsversammlung. Der Vorstand - eine Person - vertrat den Verein "gerichtlich und außergerichtlich". Nach außen besaß er eine unbeschränkte Vertretungsbefugnis, nach innen war er an die Beschlüsse und Instruktionen der Vereinsversammlung gebunden. Die Vereinsversammlung wählte den Vorstand, dessen Stellvertreter und den Kassier jeweils für die Dauer von drei Jahren. Unterzeichnet war die Satzung von neun renommierten Stuttgarter Bürgern: Kommerzienrat Nathanael Rominger, Rektor Dr. Salzmann, Paul Kurtz, Archivrat Dr. Eugen Schneider, Oberbergrat Dr. Gustav Klüpfel, Mittelschullehrer Krieg, Verleger Carl Engelhorn, Oberstudienrat Dr. Karl Steiff und Hofrat W. Brandt.

Obwohl günstig gelegen, war die baufällige, 1906 abgebrochene Legionskaserne an der Stelle des heutigen Wilhelmsbaus für die Unterbringung der Volksbibliothek, wie schon erwähnt, lediglich ein Notbehelf. Verleger Carl Engelhorn erkannte dies. Er hatte an der Silberburgstraße die Baugrundstücke Nr. 189 und 191 erworben, weil die Räumlichkeiten in der Tübinger Straße für seinen expandierenden Verlag allzu beengt waren. Das neu errichtete Gebäude Silberburgstraße 189 bestimmte er zum Verlagssitz und zu seiner Wohnung, das benachbarte Baugrundstück im Wert von 150 000 Mark zum künftigen Bibliotheksgebäude. Für den Bibliotheksneubau stiftete er 80 000 Mark, die heute knapp 2 Millionen DM entsprechen dürften. Beide Häuser erbauten die bekannten Stuttgarter Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, mit denen Engelhorn befreundet war und die in seinem Verlag die "Architektonische Rundschau" herausgaben. Sie entschieden sich im Einvernehmen mit dem Bauherrn für einen aus Neogothik- und Neorenaissance-Elementen kombinierten Baustil. Auf dem Bibliotheksgebäude befand sich ein in Stuttgart viel bewunderter und weithin aufsehenerregender Dachgarten, der mit der Wohnung des Ehepaars Engelhorn verbunden war und in dem sich die kränkliche Julie Engelhorn gerne aufhielt.

Am 19. November 1901, also heute vor genau hundert Jahren, konnte die Volksbibliothek ihr neues Domizil beziehen. Für Stuttgart ein bedeutsames Ereignis. Die Volksbibliothek verfügte jetzt über einen Zweckbau, der ihrem weiteren Auf- und Ausbau höchst förderlich war: im ersten Stock ein geräumiger Lesesaal für maxima1 108 Leser, im Erd- und Untergeschoss geräumige Magazine, die Wohnung des Hausmeisters, der zugleich Buchbinder war, sowie die Ausleihe, ferner ein Konferenzraum, Toiletten, eine Garderobe und eine Teeküche.

Wenn wir erst heute den hundersten Geburtstag der Stuttgarter Stadtbücherei feiern, obwohl dies auch schon vor vier Jahren, der hundersten Wiederkehr der Gründung des Vereins "Volksbibliothek Stuttgart", hätte geschehen können, so sprechen hierfür gewichtige Gründe: das Mäzenatentum eines um seine Heimatstadt und das Wohl ihrer Bürger hoch verdienten, sozial verantwortungsbewusst denkenden und handelnden Mannes, dessen wir in großer Dankbarkeit gedenken, sodann die Eröffnung einer zukunftweisenden, professionell geleiteten, der Idee der Volksbildung verpflichteten Bibliothek, die allen Stuttgartern in gleicher Weise zugute kam. Sie löste das unzulängliche Provisorium Legionskaserne ab. Jetzt erst erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister, und jetzt erst entschloss sich auch die Stadt zu einem jährlichen Beitrag, zunächst 5 000 Mark, ab 1906 10 000 Mark, im Ersten Weltkrieg 13 000 Mark. Freilich noch standen großzügige Spender und Mitgliedsbeiträge bei der Finanzierung der Bücherei an erster Stelle. König Wilhelm II., Württembergs geliebter Herr, leistete einen freiwilligen Jahresbeitrag von 150 Mark, Königin Charlotte einen solchen von 100 Mark und Herzogin Wera, Großfürstin von Russland, einen solchen von 50 Mark. Diese Beiträge des Königshauses besaßen einen hohen ideellen Wert; sie spornten das gehobene Bürgertum und den Adel gleichfalls zu Spenden an.

Einige namhafte Firmen wie Bosch, Daimler oder Breuninger standen auf der Spendenliste mit an oberster Stelle. Großes Geschick und Einfühlungsvermögen bei der Gewinnung von Sponsoren bewies der im Verwaltungsrat der Bibliothek sitzende Fabrikant Max Wolf. Die meisten Stuttgarter Verleger und Buchhändler, Kaufleute und Kommerzienräte steuerten bereitwillig Unterstützungsbeiträge bei. Sehr zustatten kam der Volksbibliothek, dass sich Oberbürgermeister Carl Lautenschlager, Verlagsdirektor Dr. Kilpper und andere bekannte Persönlichkeiten in den Verwaltungsrat wählen ließen und die Förderung der Volksbildung auf dem Weg über das gute Buch zu ihrem ganz persönlichen Anliegen machten.

Dank solcher günstiger Rahmenbedingungen erlebte die Bibliothek nach 1901 eine stürmische Aufwärtsentwicklung. Bereits 1904 errichtete sie ihre erste Zweigstelle. Weitere Zweigstellen folgten. 1905 kamen vier Tauschstellen hinzu, die allerdings, weil unrentabel, schon bald wieder aufgegeben wurden. Beachtlich war die Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek. 1907 veröffentlichte sie bereits in vierter Auflage ihr 500 Seiten umfassendes Bücherverzeichnis. Vorträge zu unterschiedlichen Themen übten eine starke Anziehungskraft aus. Zwischen 1899 und l917 waren es nicht weniger als 179. Im Geschäftsjahr 1910/11 wurden knapp 120 000 Entleihungen registriert, im Lesesaal nicht weniger als 56 000 Benutzungen. Auch die sieben Zweigstellen erfreuten sich eines regen Besuchs von Buchliebhabern.

Zwei Männer hatten entscheidenden Anteil an der Gründung und der ungewöhnlich raschen Etablierung der Volksbibliothek als einer kulturellen Institution von hohem Rang; die schon erwähnten Stuttgarter Bürger Nathanael Rominger und Carl Engelhorn, 1847 und 1849 geboren, hatten sie hier das Gymnasium besucht und dann am Polytechnikum, der späteren Technischen Hochschule, studiert, einige Zeit im Ausland, vor allem in den USA zugebracht und dort eine im Vergleich zu Deutschland freiere, eine demokratische Gesellschaft kennen gelernt. Sehr wahrscheinlich waren sie in Amerika auch mit den dortigen Pub1ic Libraries in Berührung gekommen. Engelhorn und Rominger schlossen sich der Comenius-Gesellschaft an, mit deren Zielen sie sich identifizierten. 1872 trat Rominger zusammen mit seinem Schwager in das Glas- und Porzellangeschäft seines Vaters ein. Doch zog er sich bereits 13 Jahre später, vermutlich aus gesundheitlichen Gründen, ins Privatleben zurück. Fortan widmete er sich karitativen Aufgaben namentlich im Bereich der Jugendfürsorge. 1891 übernahm er die von seinem Vater gegründete Krippe und Kinderpflege "Zoar" in Stuttgart-Heslach. Beinahe 50 Jahre gehörte er dem Vorstand und dem Verwaltungsrat des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen an. Bei der Errichtung der Volksbibliothek galt übrigens sein vorrangiges Interesse gleichfalls der Jugend. Ihr wollte er mit der öffentlichen Bücherei eine sinnvolle Alternative zu ihrer bislang oft recht fragwürdigen Freizeitgestaltung bieten. Die Volksbibliothek war seit 1897 gewissermaßen sein Leben. 30 Jahre bis zu seinem Tod 1927 bekleidete er im Verein das Amt des Vorstands. Vorbildlich war sein finanzielles Engagement. Er zahlte mit 100 Mark den höchsten Mitgliederbeitrag. Schwere Sorgen bereiteten ihm die Jahre des Ersten Weltkriegs, die turbulente Nachkriegszeit und insbesondere die Inflation. Zahlreiche Dienste mussten aus Geldmangel eingestellt oder erheblich eingeschränkt werden. Die Benutzung verminderte sich drastisch, l922 musste der Lesesaal vermietet werden. Kurz vor seinem Tod stiftete er 10 000 Mark, um der Bibliothek dieses Herzstück zurückzugeben. Leider erlebte er die Wiedereröffnung des Lesesaals nicht mehr.

Stärker im Hintergrund blieb Carl Engelhorn, obwohl gerade er durch seine wahrhaft fürstliche Spende im Jahr 1901 die Voraussetzungen dafür schuf, dass die Volksbibliothek Stuttgart innerhalb kurzer Zeit zu einer herausragenden Einrichtung im Bereich der Volksbildung wurde, sie dem geistigen und kulturellen Leben Stuttgarts viele Impulse vermittelte und zum Abbau sozialer Spannungen beitrug. Der weltoffene und weltgewandte Mann, der als Student der Natur- und Geisteswissenschaften am Polytechnikum von den Vor1esungen Friedrich Theodor Vischers über Literatur und Ästhetik besonders beeindruckt war, erwarb sich nach der Rückkehr aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 im In- und Ausland profunde Kenntnisse im Verlagswesen und im Buchhandel, 1874 trat er zunächst als Prokurist in den Verlag des Vaters Jean (Johann Christoph) Engelhorn ein. Bald rückte er zum Teilhaber auf, und 1890 wurde er Alleininhaber. Carl Engelhorn erlangte rasch ein ausgezeichnetes Renommee als Verleger. Ein großer Erfolg wurde die von ihm ins Leben gerufene Romanbibliothek. Bis l930 brachte der Verlag 1042 Bände heraus, Gesamtausgabe annähernd 20 Millionen Exemplare. Rückgrat des Engelhorn Verlags blieben lange die "Architektonische Rundschau" sowie das Handbuch über "Die Elektrizität und ihre Anwendungen". Hinzu kamen bedeutende wissenschaftliche Werke, Carl Engelhorn machte das Unternehmen zum führenden Verlag für wissenschaftliche Erdkunde. Virtuos handhabte er das Instrument der Geschäftsreklame. 1910 überließ er den Verlag seinem Teilhaber Paul Schumann und dem Kunsthistoriker Adolf Spemann, dem Sohn seines einstigen Konkurrenten Wilhelm Spemann, und zog sich ins Privatleben zurück. Ebenso wie Nathanael Rominger hatte auch er keine Kinder. Obwohl Mitglied der Nationalliberalen Partei, die in Württemberg die Bezeichnung Deutsche Partei führte, trat er politisch nicht hervor. Mehrere Jahre gehörte der Mitbegründer des Berliner Goethebundes dem Stuttgarter Bürgerausschuss an (1897 1900). Beachtlich war sein ehrenamtliches Engagement. 1887 übernahm er den Vorsitz des Stuttgarter Verlegervereins, 1891 den des Süddeutschen Buchhändlervereins, 1897 den des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. 1893 wurde er zweiter Vorsitzender der Handelskammer Stuttgart, 1899 Mitglied des Vorsteheramts der Württembergischen Landessparkasse sowie Mitglied der literarischen Sachverständigenkammer für Württemberg, Baden und Hessen.

Mitten im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1916, ernannte ihn König Wilhelm II. zum Geheimen Kommerzienrat. 1919 verlieh ihm der Börsenverein die Ehrenmitg1iedschaft. Der unglückliche Ausgang des Ersten Weltkriegs traf ihn hart. Sein Leben verdüsterte sich mehr und mehr. Die Inflation beraubte ihn des größten Teils seines Vermögens. Am 12. Dezember 1925 starb er nach mehrwöchiger Krankheit.

Neue Impulse erhielt der Verein "Volksbibliothek Stuttgart" nach dem Ersten Weltkrieg durch Theodor Bäuerle (1882 - 1956) und den von ihm auf Initiative von Robert Bosch gegründeten Verein zur Förderung der Volksbildung. Theodor Bäuerle, der nachmalige württembergische Kultminister, war von 1919 bis 1922 Schriftführer des Vereins "Volksbibliothek Stuttgart", und er wurde nach dem Tod Romingers 1927 unter dem neuen Vorsitzenden, Bürgermeister Dr. Georg Ludwig, dessen Stellvertreter. 1930 übernahm Alfred Jennewein, der seit 1920 der Volksbibliothek Cannstatt vorgestanden hatte, die Leitung der Bibliothek. Damit kam die Volksbibliothek Stuttgart zur Büchereiabteilung des Vereins zur Förderung der Volksbildung, blieb es aber nur wenige Jahre, da das NS-Regime den ihm nicht genehmen Verein 1936 auflöste. Die vereinigten Volksbibliotheken Stuttgart und Cannstatt firmierten nunmehr unter dem Namen "Stuttgarter Volksbüchereien".

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war die Zeit der großen Stiftungen vorbei. Auch die Stadt musste ihre finanzielle Förderung vermindern. Die Bib1iothek sah sich zu einer zeitweiligen starken Einschränkung ihrer Leistungen gezwungen. Von 1922 bis 1927 blieb der Lesesaal geschlossen, die Zahl der Bücherentleihungen schrumpfte. Der Verein ließ sich jedoch nicht entmutigen. Nach der Überwindung der Inflation erklärte er: "Wir blicken auf trübe Jahre zurück, doch wir lassen den Mut nicht sinken... Es wird unser ernstes Bemühen sein, unsere Bibliothek zunächst in ihrer Ausleiheabteilung - wieder auf die Höhe zu bringen, die sie vor dem Kriege innehatte und die eine Stadt von der geistigen Bedeutung Stuttgarts fordert". Der Verein entfaltete eine intensive Werbekampagne, und er hatte damit Erfolg.

Nach einer kurzen Erholungsphase brach die Weltwirtschaftskrise über Deutschland herein, sie hatte zwar für Württemberg keine ganz so fatalen Auswirkungen wie für andere deutsche Länder, doch stürzte sie auch hier Tausende von Menschen, die ihre Arbeitsplatze verloren, samt deren Familien in Not und Elend. Die Katastrophe des NS-Gewaltregimes und des Zweiten Weltkriegs folgte; sie hinterließ ein unübersehbares materielles und ein nicht weniger verheerendes geistiges Trümmerfeld. Die gänzlich veränderte Situation beim Neuaufbau der Bibliothek, deren Zentrum Silberburgstraße 191 der Bombenkrieg vernichtet hatte, ließ sich auf Vereinsbasis nicht in den Griff bekommen. Die Stadt sprang in die Bresche; sie übernahm die Bibliothek in eigene Regie. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen nahm ihren Anfang. Heute zählt die Stadtbücherei Stuttgart zu den größten und leistungsfähigsten kommunalen Bibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre vielseitige Öffentlichkeitsarbeit ist beispielhaft. Unzählige Benützer ihrer verschiedenen Einrichtungen bekunden ihr Respekt und große Dankbarkeit.



19. November 2001
     
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