Geert Lovink:
Zero Comments: Bloggen und kritische Internetkultur

Donnerstag, 29. November 2007 um 19.30h

Die Mehrheit der Blogger definiert sich weder als politisches Subjekt („engagierter Bürger“) noch hat sie journalistische Ambitionen. Die Idee eines „Bürgerjournalismus“ wurde geprägt von einer kleinen US-amerikanischen Blogger-Elite (der sogenannten A-Liste).
Anstatt die Nachrichtenherstellung und PR-Kampagnen radikal zu kritisieren, nutzen die meisten Blogger jedoch den „Bürgerjournalismus“ dazu, um einen Nischenmarkt zu schaffen: „Wie passe ich da hinein?“

Geert Lovink sieht in seiner Theorie des Bloggens (Teil seines Buches „Zero Comments“, Routledge NY, 2007) beim Bloggen eher den massiv nach innen gerichteten Blick des „Tagebuchführens“, als medienbezogenen Kategorien wie „Wahrheit“, „Nachricht“ oder „Bericht“.
Nach dem 11. September schlossen Blogs die Lücke zwischen dem Netz und der Gesellschaft. Während die Dotcom-Manager noch davon träumten, wie Massen von Konsumenten ihre E-Commerce-Portale überfluten würden, waren es die Blogs, die weltweit die Demokratisierung des Netzes verwirklichten. Der Begriff der "Demokratisierung" spricht von "engagierten Bürgern", impliziert aber auch eine Normierung und Banalisierung. Man kann diese Elemente nicht voneinander trennen, um nur in den Genuß der interessanteren Anteile dieser Entwicklung zu kommen.

Jeder neue Blog trägt seinen Teil zum Untergang des Mediensystems bei, das einst das 20. Jahrhundert dominierte. Was abnimmt, ist der Glaube an eine Botschaft. Das ist das nihilistische Moment (nihil = Null) der Bewegung, und Blogs fördern diese Kultur wie keine andere Plattform vor ihnen. Blogsoftware unterstützt in Wirklichkeit Nutzer dabei, den Schritt von der Wahrheit zum Nichts zu gehen. Die gedruckte und gesendete Botschaft hat ihre Aura verloren. Nachrichten werden als Waren konsumiert, die einen gewissen Unterhaltungswert besitzen.
Anstatt Blogs immer wieder von neuem als Instrumente der Selbstvermarktung zu präsentieren, sollten wir sie vielmehr als dekadente Artefakte interpretieren, die aus der Ferne die verführerische Macht der Sendeanstalten demontieren ohne ein alternatives Modell anzubieten.

Geert Lovink ist Medientheoretiker, Internetkritiker und Autor von „Uncanny Networks“, „Dark Fiber“, „My First Recession“ und „Zero Comments“. Er organisiert Konferenzen und ist Mitbegründer von Internetprojekten wie „nettime“ und „fibreculture“. Seit 2004 leitet er das Institute of Network Cultures, Hogeschool van Amsterdam und ist Professor für mediastudies/new media an der Universität von Amsterdam.


http://www.networkcultures.org/geert/