Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
 

Ich freue mich, Sie zur Eröffnung der Ausstellung begrüßen zu dürfen.

Ich freue mich insbesondere, daß ich in so einer Stadt wie Stuttgart, die in der Architekturgeschichte eine große Bedeutung hat, ein kulturell wichtiges Gebäude bauen darf.

Damit meine ich nicht nur die jüngste Geschichte der deutschen Architektur.

Man erinnere sich an die wunderschöne Architektur mit hervorragenden Rauminszenierungen aus Renaissance- und Barock-Zeiten. Und man erinnere sich an ein einmaliges Architekturereignis; die Grabkappelle, die mit meinem Entwurf einen gewissen Zusammenhang hat.

Und Stuttgart hatte eine hervorragende Architekturschule, vor allem unter der Leitung von Paul Bonatz. Und durch die Weissenhofsiedlung hat Stuttgart in der Weltarchitekturszene eine besondere Position geschaffen.

Und das ging auch in der geistig etwas geschädigten, sage ich mal, Nachkriegszeit in bescheidenem Maße weiter. Stirlings Stadtgalerie hat gezeigt, daß die Stadt zu außerordentlicher architektonischer Leistung fähig ist.

Je nach Epoche gab es besonders kräftige Zeiten, und gab es etwas dunklere Zeiten. Aber das geistige und gesellschaftliche Potential ist da.

Stuttgart ist für mich eine Stadt des kreativen Geistes.

Das ist ausschlaggebend um etwas zu bewältigen. Denn Städte sind Zeugnisse intellektuellen Geistes und physischen Leistungsvermögens in dem Maße, in dem politische, soziale und ästhetische Ideen und Überzeugungen mit der Geschichte der Architektur und Stadtplanung übereinstimmen.

Das verstehe ich unter "genius loci".

Natürlich ist auch eine Stadt von der jeweiligen Flächennutzung, dem Verkehrsnetz, den Standorten, den sozialen Verhältnissen, der Produktivität u.s.w. bestimmt.

Aber das - was die Stadt prägt - geht weit darüber hinaus.

Was für eine Stadt wir haben wollen, was für ein Raumerlebnis wir haben wollen, was für eine Ausstrahlung die Stadt haben soll - das ist der entscheidende Punkt.

Das war und ist die Drehscheibe meiner Beschäftigung, meine Damen und Herren.

Und das wird bei der Umsetzung meines Entwurfs für die "Neue Stadtbücherei" weiter gelten.

Nun möchte ich kurz mein Konzept für die "Neue Stadtbücherei" zusammenfassen.

Der Entwurf orientiert sich an der Idee, mit der Bibliothek 21 in Stuttgart ein neues geistiges und kulturelles Zentrum zu schaffen. Um diesen Anspruch städtebaulich gerecht zu werden, wird eine Sonderstellung des Bibliotheksgebäudes innerhalb der vom Rahmenplan vorgesehenen Blockstruktur vorgeschlagen: Ein freistehender kristalliner Baukörper, der die benachbarte Bebauung überragt. Die bevorzugte städtebauliche Behandlung der Bibliothek 21 wird zum unmißverständlichen Zeichen ihrer besonderen Bedeutung.

Das Bibliotheksgebäude kann von allen vier Seiten betreten werden. Über die Open End Area gelangt man ins "Herz", das Kernstück der Bibliothek. Es wird gleichsam von einer zweiten Fassade umschlossen und liegt als würfelförmiger Raum in der Mitte des Gebäudes, nur durch ein zentrales Oberlicht erhellt.

Das Herz ist in allen Geschossen ringförmig von dem Lesesalon, der Musikbibliothek, dem Kunstraum und der Graphothek umgeben. Sein 'occulus', mündet in einen trichterförmigen Lesesaal. Dieser erstreckt sich über vier Geschosse und verbindet die acht verschiedenen Lernateliers.

Innere Erschließungstreppe und die äußere Fluchtrampe sind als fließende Flanierwege konzipiert. Die Gebäudehülle ist als Doppelfassade aus Glasbausteinen in Betonrahmen und Glasfassade konzipiert, um einen archaischen und gleichzeitig modernen Eindruck zu gewinnen.

Das Forum, das als zentraler Bestandteil der Bibliothek verstanden wird, befindet sich direkt unter dem "Herz".

Auf der Ebene des Forums ist der Premierensaal großzügig angebunden. Science-Center, IMAX-Theater und Premierensaal werden in einem Baukörper zusammengefaßt, der sich als Bestandteil der vom städtebaulichen Rahmenplan vorgesehenen Blockrandbebauung versteht und durch eine Wasserfläche von der Bibliothek getrennt ist. Der Haupteingang befindet sich kolonnadenförmig direkt an der Wasserfläche.

Somit die grobe Beschreibung meines Entwurfes.
 
 

Und nun möchte ich meinen konzeptionellen Gedanken über den Raum "Herz" erläutern.

Die Auslober haben dem Begriff "Herz" geprägt und von den Architekten die räumliche Umsetzung gefordert, was ich als Anhaltspunkt für die Stellungnahme zur Architektur unserer Zeit genommen habe.

Als das "Herz" der Bibliothek wird der archaische Raumtyp Pantheon vor dem Hintergrund unserer veränderten technischen Wirklichkeit neu interpretiert. Zukunft und Geschichte des Menschen wird hier gleichermaßen vergegenwärtigt.

Das Herz soll ein Ort der Ruhe sein, mit einem fast meditativen Erlebnis.

Und das Herz soll gleichzeitig ein Ort der Connection, ein Ort der Kommunikation in zeitgemäßen Sinne, d.h. mit Anschluss an das Internet und somit den Cyberspace.

Dieser konzeptionelle Gedanke spiegelt meinen Standpunkt zur Architektur der epochalen Übergangszeit zur Jahrtausendwende wider; also von der physischen Kultur zu der medientechnologischen Kultur.

Es hat in der Geschichte des öfteren Situationen gegeben, in denen die Menschen die technischen Neuheiten zunächst mit großer Aufregung feierten. Sobald sich diese langsam ausbreiten, stürzen die Menschen schon fort und winken ihr zu. Sie wissen nicht wohin sie gehen wollen, aber irgendwas wollen sie mit dieser Neuheit schnellstmöglich erreichen.

Erst wenn diese aufregende, rastlose Zeit vorbeigeht und wenn man sich mit dem Maßstab der Wertfrage vor die Geschichte stellt, dann wird man im nachhinein die wahre neue Aufgabe erkennen.

Die Hoffnung und die Begeisterung für die neu entdeckte Welt und die Entfaltung der Zivilisation ins All sind eine wichtige Basis für die progressive und visionäre Architektur. Viel wichtiger sind aber die konsequenten Versuche, wesentliche Werte der neuen Epochen herauszukristallisieren.

Es sieht aus wie Armut, wenn man versucht, die Grundtypen zu entdecken und deren wesentliche Bedingungen zu interpretieren. Es ist aber eine Bereicherung.

Das ist eine der wesentlichen Bestrebungen einer modernen Architektur, um ihr eine gewisse Vollkommenheit, eine Allgemeinheit zu geben: was die Proportion, was die Reinheit der Räume, was die Klarheit des Typus anbelangt. Denn das entspricht einer weitentwickelten Denkweise, die nicht mehr auf ein erzählerisches Hasten abhebt, sondern auf die Grundprinzipien.

Daß die Architektur eine Pseudokunst geworden ist und daß die Architektur ein Konsumprodukt sein soll, ist eine Erfindung der modernen Gesellschaft. Eine Architektur, die nach dem Gesetz der Funktion programmiert ist, eine zerstörerische Architektur ohne zukunftsweisenden Ansatz oder aber eine Architektur, die nur nach modernen Geschmack designt wird, kann die wesentlichen Werte der archaischen oder klassischen Architektur nicht ersetzen.

Wir müssen dafür sorgen, daß die Ausstrahlung der archaischen Architektur wiederaufgegriffen wird. Die aber in die Moderne umgesetzt.

Was wir schaffen müssen, ist die Architektur, die treu zu ihrer Wesentlichkeit und ihrer Selbstverständlichkeit ist. Nur mit einer wesentlichen Ästhetik müssen wir unsere Welt schön und bewundernswert gestalten.

Das ist unserer Beruf in wahrsten Sinne des Wortes. Diese Berufung ist gerade deswegen notwendig, weil sich unsere Welt heute als absolutes Chaos und als orientierungslos darstellt.

Zum Schluß möchte ich einen berühmten Lehrspruch von John Ruskin zitieren.

John Ruskin sagt mit seinem 29. Lehrspruch:

"Die Erde ist eine Erbschaft, doch kein Besitz."

Danke schön.
 

Eun Young Yi
Stuttgart, 1. Juli 1999